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Explodierende Strom- und Gaspreise: Das können Kunden jetzt tun

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Von: Matthias Schneider

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Die Preise für Strom und Gas sind zuletzt teils drastisch gestiegen. Doch Verbraucher können sich vor der Kostenexplosion schützen.

München - Viele Verbraucher bekommen gerade unangenehme Schreiben von ihren Strom- und Gasanbietern: Massive Preissteigerungen oder die Kündigung werden dort angekündigt. Grund ist eine historische Verteuerung der Börsenpreise für Gas und Strom. Vieles müssen Kunden jedoch nicht hinnehmen, wie Marion Gaksch, Juristin bei der Verbraucherzentrale Bayern, erklärt.

Ist die Kündigung des Versorgers rechtmäßig?

Wenn es eine ordentliche Kündigung, also gemäß Kündigungsfrist oder zum Vertragsende ist, ja. Doch im Gegensatz zu Verbrauchern haben Energieversorger kein Sonderkündigungsrecht. Somit haben Kunden für die gesamte Vertragslaufzeit das Recht auf die Bereitstellung von Energie zum vereinbarten Preis. Liefert der Versorger nicht, haben die Verbraucher ein Recht auf Schadenersatz. Das gilt auch für die Anbieter Stromio, gas.de und Grünwelt. Laut einem Bericht des Spiegel geht die Bundesnetzagentur gerade einem Verdacht gegen diese Discountanbieter nach. Sie sollen hunderttausenden Strom- und Gaskunden gekündigt haben, um ihre Kontingente gewinnbringend an Großkunden zu verkaufen.

Ist die Preiserhöhung des Versorgers rechtmäßig?

Auch das muss im Vertrag geregelt sein, etwa in den allgemeinen Geschäftsbedingungen. Ist das der Fall, muss man auch immer nachsehen, ob es eine Preisgarantieklausel gibt. Denn dann sind beispielsweise die ersten 12 Monate günstiger als die restliche Vertragslaufzeit. Ist die Preiserhöhung rechtmäßig, gibt es bei der Höhe keine Grenzen. Die Kunden haben bei einer Preiserhöhung ein Sonderkündigungsrecht und können sich einen anderen Anbieter suchen. Sollte die Preiserhöhung untragbar hoch sein, können Kunden erwägen, die Reißleine zu ziehen und ohne Anbieterwechsel zu kündigen. Wichtig ist jedoch, die Zahlungen nicht eigenmächtig zu kürzen. Eine entsprechende schlechte Bewertung bei der Schufa kann man nicht mehr rückgängig machen.

Was geschieht nach der Kündigung?

Verbraucher ohne Energieanbieter landen automatisch in der Ersatzversorgung, das heißt, es fließen immer Gas und Strom. Das ist die gesetzlich garantierte Notversorgung des größten Anbieters vor Ort. Der informiert die Verbraucher schriftlich darüber, dass sie jetzt in seiner Obhut sind. Die Ersatzversorgung läuft maximal drei Monate. Spätestens danach – oder jederzeit währenddessen – können Verbraucher einen neuen Tarif buchen. Tun sie das nicht, gehen sie automatisch in die Grundversorgung über – auch wenn die Versorger keine Neukunden aufnehmen wollen, wie es gerade häufig der Fall ist.

Weshalb können die Grundversorger liefern?

Man muss zwischen der Grundversorgung und Sonderverträgen unterscheiden. Grundversorger sind meist Stadtwerke wie die SWM oder große Anbieter wie die ESB. Den Grundversorger können sich Verbraucher nicht aussuchen, er wird vom Netzbetreiber bestimmt. Sie sind gesetzlich verpflichtet, jedem Haushalt in ihrem Gebiet Energie zu liefern – das ist die Grundversorgung. Verlieren Verbraucher ihren Versorger, etwa weil dieser seine Netzgebühren nicht bezahlt hat, rutschen sie automatisch in die Ersatzversorgung. Das ist quasi eine dreimonatige Grundversorgung auf Probe. In dieser Zeit müssen Kunden einen neuen Tarif abschließen oder gehen automatisch in die Grundversorgung über. Um ihrem Auftrag gerecht zu werden, wirtschaften die Grundversorger sehr vorsichtig und kaufen ihre Energie Jahre im Voraus, um sich stabile Preise zu sichern. Das macht die Grundversorgung relativ teuer. Deshalb bieten sowohl Grundversorger als auch andere Anbieter Sonderverträge an. Das sind die, die Verbraucher auf Vergleichsportalen finden. Diese sind aus Wettbewerbsgründen, wegen längerer Laufzeiten oder bestimmter Einkaufsstrategien günstiger. Dieses Prinzip wird von den Discountanbietern auf die Spitze getrieben, um als billigster Versorger zu gelten. Doch aktuell feuert diese Strategie zurück und die Anbieter geben die hohen Preise ungefiltert an ihre Kunden weiter – oder sie müssen kündigen, weil sie die versprochenen Verträge nicht mehr erfüllen können.

Wie teuer ist die Grundversorgung?

Normalerweise teurer als die Sonderverträge, wegen der aktuellen Marktlage jedoch oft günstiger. Einige Versorger haben jetzt aber teils deutlich höhere Tarife für die Ersatzversorgung festgelegt, um ihre Bestandskunden zu schützen. Denn für neue Kunden müssten sie gerade sehr teuer Energie an den Großmärkten zukaufen. Die Verbraucherzentrale NRW hat jüngst drei Versorger abgemahnt. Das müssen wahrscheinlich Gerichte klären.

Wie sollten sich Verbraucher jetzt verhalten?

Zuerst sollten sie bei jedem Schritt, also Kündigung, Eintritt in die Ersatzversorgung und Vertragsabschluss, ihre Zählerstände ablesen. Sonst schätzt ihr Versorger den Verbrauch. Dann muss man sehen, ob seitens des Versorgers Vertragsbrüche vorliegen. Daraus ergeben sich Schadenersatzansprüche, etwa die Differenz zwischen dem vereinbarten Tarif und dem Preis der Ersatzversorgung. Das muss man dem Versorger mitteilen, am besten per Einschreiben.

Und wenn sich der Anbieter querstellt?

Sollte er die Ansprüche bestreiten, können Verbraucher unter www.schlichtungsstelle-energie.de ein Verfahren anstreben. Das ist kostenlos und meist knicken die Versorger davor ein und stimmen einem Vergleich zu. Wichtig ist: Nachsehen, ob das Geld auch wirklich fristgerecht auf dem Konto ankommt und ob alle vereinbarten Boni und Rabatte dabei sind. Ansonsten können Verbraucher einen Mahnbescheid vom Gericht beantragen. Häufig versuchen die Anbieter auch, den Kunden einen nur unwesentlich besseren Vertrag anzubieten. Verbraucher sollten nichts unterschreiben, bevor sie keinen ausführlichen Vergleich angestellt haben. Danach können sie sich in Ruhe nach einem günstigeren Tarif umsehen. Das ist zurzeit aber schwierig, weil viele Anbieter keine Neukunden nehmen. Es kann sich lohnen, in der Grundversorgung zu verharren, bis der Markt sich entspannt hat.

Einige Versorger melden jetzt Insolvenz an.

Das ist für Kunden mit Schadenersatzansprüchen ungünstig. In diesem Fall müssen Verbraucher den Weg des Zivilrechts gehen und eventuell einen Anwalt engagieren, um die Ansprüche im Insolvenzverfahren durchzusetzen. Das klappt aber nicht immer und sollte gut abgewogen werden: Ist nicht genügend Geld da, bleiben die Verbraucher neben ihren Ansprüchen auch noch auf den Anwaltskosten sitzen.

Was gilt es bei einem neuen Vertrag zu beachten?

Wie die aktuellen Fälle zeigen, muss der günstigste Anbieter nicht der beste sein. Eine Faustformel ist jedoch: Sind die Marktpreise hoch, sollte man sich nicht lange binden und keine Festpreisklausel akzeptieren. Sind die Preise niedrig, ist es sinnvoll, sich diese Konditionen für lange Zeit zu sichern.

Lesen Sie hier mehr über darüber, was Verbraucher bewegt.

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