Die Preise für Strom und Gas haben in den vergangenen Monat merklich angezogen
+
Die Preise für Strom und Gas haben in den vergangenen Monat merklich angezogen.

Inflation im Energiesektor

Strom- und Gaspreise steigen in Europa rasant - Das kommt jetzt Verbraucher in Deutschland zu

  • Patrick Freiwah
    VonPatrick Freiwah
    schließen

Die Preise für Strom und Gas steigen drastisch an - und die Entwicklung ist noch nicht am Ende. Ein gemeinsames Vorgehen der EU-Staaten erscheint als der einzige Ausweg.

Brüssel/Berlin - Der Preisanstieg bei Strom und Gast treibt Verbrauchern in Deutschland Sorgenfalten auf die Stirn. Die Entwicklung treibt auch Regierungspolitiker vieler Länder um: Armut, Unzufriedenheit und damit soziale Spannungen erhalten durch die enormen Teuerungsraten neuen Nährboden. Vor knapp zwei Jahren kam es in Frankreich aus ähnlichen Gründen zu „Gelbwestenprotesten“: Menschen gingen auf die Straße, um sich gegen Preiserhöhungen beim Treibstoff und Abstriche bei der Rente* zu wehren.

Durch die gestiegene energie-Nachfrage seit dem Beginn der Corona-Lockerungen und niedrige Füllstände der Gasspeicher in vielen Ländern stiegen die Preise zuletzt deutlich: Im September 2021 verteuerten sich Energiepreise in Ländern der Euro-Zone laut der Statistikbehörde Eurostat durchschnittlich um 17,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, die Verbraucherpreise insgesamt stiegen lediglich um 3,4 Prozent.

Strom und Gas: Deutlicher Preisanstieg ruft EU-Staaten auf den Plan

Alleine der Großhandelspreis von Erdgas ist zwischen Januar und Oktober um rund 440 Prozent gestiegen. Gas wird genutzt zum Heizen, aber auch zur Stromerzeugung - der fossile Brennstoff hat also auch Einfluss darauf, wie viel Strom kostet*. In Deutschland ist Strom an der Börse seit Januar rund 140 Prozent teurer geworden, in Italien bereits 340 Prozent und in Spanien sogar 425.

Um die derzeitige Entwicklung einzudämmen, fordern zahlreiche Mitgliedsstaaten wie Spanien, Frankreich, Tschechien oder Griechenland ein geschlossenes Vorgehen der EU. Auch deutsche Parlamentarier setzen sich für politische Regulierung ein: Energiearmut könne „insbesondere in EU-Mitgliedstaaten mit geringen Pro-Kopf-Einkommen zum flächendeckenden Problem werden“, warnte kürzlich der SPD-Europaabgeordnete Jens Geier.

So dürfte die Energiekrise eines der dominierenden Themen sein, wenn sich (Noch-)Bundeskanzlerin Angela Merkel*, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und Co. kommende Woche beim EU-Gipfel in Brüssel treffen. Die kurzfristigen Möglichkeiten der EU, etwas gegen hohen Strom- und Gaspreise zu tun, erscheinen jedoch beschränkt.

Strom- und Gaspreise in Deutschland: Politische Regulierung erforderlich

Langfristig wäre jedoch eine stärkere Rolle der EU-Partner zweifellos wünschenswert - und das betrifft sowohl die Parlamente der nationalen Hauptstädte, als auch die Landesbewohner: Prognosen von Experten lassen nämlich darauf schließen, dass die Energiepreise noch länger hoch bleiben. Wie Welt.de schildert, fordert Spanien, dass die EU den zwar träge angelaufenen, aber letztlich erfolgreichen gemeinsamen Einkauf von Corona-Impfstoffen adaptiert und das künftig auch im Gassektor anwendet, um gegenüber Unternehmen aus den Hauptlieferanten-Staaten Russland oder Norwegen mehr Verhandlungsmacht zu haben.

Was können EU-Staaten gegen die derzeitigen Energiepreise tun? Mitte Oktober legt die Europäische Kommission eine „Toolbox“ vor: Es handelt sich um einen Werkzeugkasten mit Maßnahmen, die EU-Länder national anwenden können. Mehrere Mitgliedsländer haben bereits kurzfristig eingegriffen, um private Haushalte vor hohen Strom- und Heizkosten zu schützen. So hat Frankreich eine Tarifbremse versprochen und will ärmeren Haushalten 100 Euro zahlen. Italien will drei Milliarden Euro ausgeben, um Haushalten einen Teil ihrer Strom- und Gasrechnungen zu erlassen, etwa durch Steuererleichterungen für Strom- und Gaskunden.

Die „Toolbox“ der EU-Kommission soll derartige Maßnahmen zusammentragen und vorantreiben. Unter anderem wollen die
EU-Länder Gaseinkäufe gemeinsam koordinieren, neue Gasreserven schaffen und den Preis von Strom und Gas entkoppeln. Konkrete Verhandlungen dazu wird es bei einem EU-Gipfel am 21. und 22. Oktober geben. Nationale Regierungen erhalten damit ein mächtiges Mittel zum Gegensteuern, jedoch auf Kosten des Staatshaushalts.

Hohe Energiepreise in Deutschland: Viel Geld auch für die Staatskasse

Wichtig ist nämlich in diesem Zusammenhang: Laut Berechnungen der EU-Kommission sind Abgaben wie die deutsche EEG-Umlage immerhin für 41 Prozent der Stromkosten der belasteten Haushalte verantwortlich - damit wandert nahezu die Hälfte des Energiepreises in die Staatskasse. In der Industrie beträgt der Anteil bis zu 34 Prozent.

Derweil haben deutsche Netzbetreiber Prognosen der Nutzungsentgelte für Gas im nächsten Jahr abgegeben. Die Preise würden weiter steigen, wie das Vergleichsportal Check24.de erläutert. Haushalte müssten 2022 mit rund zehn Prozent mehr Kosten rechnen. Eine Zahl, die noch mehr erschreckt: Fürs Heizen zahlten Verbraucher im Vergleichszeitraum September zuletzt 33 Prozent. Wie man sich schützen kann? „Bei steigenden Preisen sollten Verbraucher selbst aktiv werden und den Gasversorger wechseln“, appelliert Steffen Suttner, Geschäftsführer im Bereich Energie bei Check24. Übrigens sollen nach Ansicht der Brüsseler Behörde spätestens im April 2022 die Energiepreise wieder sinken, sich jedoch auf einem höheren Niveau als 2020 einpendeln.

Dazu scheint der rasante Anstieg der Spritpreise kein Ende zu nehmen. Mittlerweile kostet der Liter Sprit an den ersten Tankstellen Deutschlands bereits zwei Euro*. (PF mit dpa-Material) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA 

Auch interessant

Kommentare