Strom, Straßen, Telefon: Hier setzt Deutschland immer noch Maßstäbe

- München - Weite Teile einer Nation ohne Strom. Was das wirtschaftliche Wunderland USA letzte Woche durchmachte, könnte es in Deutschland so nicht geben. Ist also doch nicht alles schlecht im Stillstandort Deutschland? Es mehren sich Stimmen, die dessen Vorteile betonen, voran die Infrastruktur.

<P>Der Grundton der Standort-Debatte ist freilich ein anderer: Deutschland hinke der Konkurrenz hinterher, heißt es. Die Arbeitslosigkeit sei die Quittung für politischen Stillstand. Nach Ansicht des Wirtschaftsforschers Rudolf Hickel eine Fehleinschätzung: "Deutschland steht mit seiner Infrastruktur immer noch mit an der Spitze."</P><P>Ein dichtes Netz an Verkehrswegen, die Elektrizitäts-Versorgung, modernste Kommunikationstechnik gelten als Vorzüge. Ganz banal: Strom ist in Deutschland frei von Unterbrechungen, Oberschwingungen und Spannungsschwankungen. Das können Länder selbst in Asien nicht bieten. Solche Sicherheit ist aber unverzichtbar für Produktion in Hightech-Branchen. "Die in Deutschland bestehende Infrastruktur bietet alle Möglichkeiten, die eine hochmoderne, international konkurrenzfähige Wirtschaft verlangt", stellt auch Siemens-Chef Heinrich von Pierer fest. Digitalisierung, Glasfaserlinien und Breitbandverkabelung seien in Deutschland weiter als in jedem anderen Land.</P><P>"Infrastruktur nicht demontieren"</P><P>Nach Meinung Hickels ist auch das Bildungssystem eine Ressource. Vor allem die Berufsausbildung werde im Ausland kopiert. "In diesem Punkt sind ,deutsche Verhältnisse weltweit eine Orientierungsmarke", betont er. Doch er sieht dies bedroht, da öffentliche Investitionen zurückgefahren werden: "Diese Art von Einsparpolitik ist gefährlich." Die Attraktivität des Standorts sei durch die "hervorragende" öffentliche Infrastruktur geprägt worden. "Jetzt sind wir dabei, dies zu demontieren", beklagt er. In den USA und Großbritannien würde der Fehler langer Vernachlässigung erkannt und behoben.</P><P>Ein wunder Punkt bleibt das deutsche Gesundheitssystem. Hauptproblem sind die hohen Kosten. Dennoch sei die Gesundheit der Deutschen gegenüber Menschen in anderen Ländern nicht besser, sagt Rigmar Osterkamp vom Ifo-Institut. "Dies ist eine Fehlkonstruktion, die von Bismarck vor 120 Jahren eingeführt wurde." Doch selbst hier fällt der Vergleich nicht so schlecht aus. Auch international sei kein effizientes Gesundheitssystem erkennbar, so Jochen Pimpertz vom Institut der Wirtschaft.</P><P>Alles in allem sehen die Wirtschaftsexperten das deutsche Fundament stabiler als das der USA: "Wir sind nicht in unserer Substanz erschüttert", sagt Hickel.</P><P>Deregulierung, Aufbau und Pflege einer hochmodernen Infrastruktur, Unterstützung für Existenzgründer und Anpassung des Bildungssystems sind wichtige Punkte auf der Standortagenda. "Bei allen vier Themen ist Deutschland nicht abgeschlagen", findet Pierer. Schwarzweiss-Malerei sei unangemessen. Dennoch sollte man Erfolge anderswo unter die Lupe nehmen: "Das eine oder andere kann auch für den Standort Deutschland interessant und hilfreich sein und in jedem Fall ist es nötig, über die eigenen Grenzen zu blicken und sich die Stärken und die Dynamik anderer vor Augen zu führen."</P><P>Hohe Arbeitslosigkeit und schwache Wachstumsraten haben zwar mit unterbliebenen Reformen zu tun. Doch Hauptursache bleiben die Folgen der deutschen Wiedervereinigung. 50 Jahre Infrastrukturentwicklung für ein Viertel eines Landes nachzuholen, dessen eigene Wirtschaftskraft zusammengebrochen ist, das hätte andere Volkswirtschaften nicht zurück- sondern nach Ansicht von Experten aus der Bahn geworfen.</P><P>Auf die Chancen Deutschlands hat vor Monaten auch der Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem Manifest "Raus aus dem Jammertal" hingewiesen. Damals schien er einsamer Rufer in der Wüste zu sein. Nun sieht er Erfolge: "Der Wandel hat begonnen", sagt er. "Die alte verstockte Krisenseele, in der wir uns schon so selbstmitleidig eingerichtet hatten, öffnet sich."</P>

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