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Handwerks-Präsident Peteranderl: „Strom setzt eine Preisspirale in Gang“

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Von: Corinna Maier

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München – Angehende Eigenheimer haben es schwer: Handwerker sind knapp und die Preise fürs Bauen hoch – mit immer weiter steigender Tendenz. Der Präsident des Bayerischen Handwerkskammertages, Franz Xaver Peteranderl, erwartet, dass die Klimavorgaben für Gebäude einen weiteren Preisschub auslösen könnten. Ein vergleichsweise kleiner, für die mittelständischen Betriebe aber dennoch ärgerlicher Beitrag zur Verteuerung geht von der Stadt München aus.

Dort sollen die Parkgebühren für Handwerksfahrzeuge um rund 500 Prozent steigen. Betriebe aus dem Umland würden das Münchner Stadtgebiet meiden, so Peteranderl.

Bauen wird immer teurer, gerade hat das Statistikamt über den größten Preisschub seit 50 Jahren berichtet. Was macht das Bauen so teuer?

Wir haben seit vergangenem Sommer eine massive Störung der Lieferketten. Das heißt, dass bestimmte Materialien wie Holz oder Dämmstoffe knapp oder kontingentiert sind. Dazu kommen die CO2-Vorgaben, die nun bei den Preisen für Stahl und Zement voll durchschlagen.

Gibt es schon Bereiche, wo Material gar nicht mehr zu bekommen ist?

Nein, so weit ist es noch nicht. Aber die Lieferzeiten für manche Grundprodukte liegen bereits bei drei oder sogar vier Monaten. Das betrifft vor allem die Bereiche Sanitär und Heizung sowie Elektro. Bei Kupferkabeln zum Beispiel gibt es Lieferzeiten, die eigentlich schon nicht mehr erträglich sind. Das hat es früher nie gegeben.

Franz Xaver Peteranderl, Porträt
Franz Xaver Peteranderl, Handwerkskammer-Präsident © Michael Schuhmann

Wie gehen denn die Handwerksbetriebe damit um? Die müssen ja schließlich die Preise für ihre Kunden kalkulieren.

Das ist momentan wirklich schwierig. Ich kenne viele Betriebe, die zwar Kalkulationen abgeben, aber gleich dazu erklären, dass das Angebot nur eine bestimmte Zeit gültig ist, nämlich so lange, wie die eigenen Lieferanten den Materialpreis gewährleisten können. Danach ist der Preis variabel. Wenn der Bauherr sich also zu lange Zeit lässt, kann es sein, dass die Sache teurer wird.

Welche Rolle spielen staatliche Vorgaben für die Preisentwicklung?

Eine große, und sie könnte noch wachsen, wenn das in Kraft tritt, was gerade diskutiert wird.

Sie meinen Klimaschutz bei Gebäuden?

Ja. Es soll ja bis 2030 keine Öl- und keine Gasheizungen mehr geben, sondern nur noch mit Erneuerbaren Energien geheizt werden. Laut EU soll der Gebäudebestand bis 2050 komplett CO2-neutral sein. Das sind zum einen gewaltige Investitionen, zum anderen muss man sich fragen, wer soll das alles ausführen?

Scheitert die Energiewende am Personalmangel?

Das Handwerk ist sehr leistungsfähig und kann vieles bewerkstelligen – aber dazu müssen wir klare Vorgaben haben.

Sind die Vorgaben denn nicht eindeutig?

Nein, bisher nicht. Es gibt Jahreszahlen, bis wann wir keine Heizungen mit fossilen Brennstoffen mehr einbauen dürfen. Es kann einem aber keiner sagen, ob das Stromnetz ausreicht, wenn alle Haushalte in einem Neubaugebiet Wärmepumpen aufstellen.

Hat man vergessen, mit Leuten aus der Praxis zu sprechen?

Offensichtlich ist, dass in vielen Bereichen keine realistischen Vorgaben existieren. Und der Zeitplan ist eng. Vor allem, wenn man bedenkt, wie langwierig sich Genehmigungsverfahren bei uns hinziehen können. Man hat sich politisch gegenseitig immer weiter überboten, was den Zeitpunkt angeht, um das 1,5-Grad-Klimaziel einzuhalten. Es scheint, dass sie nie realistisch durchdacht worden sind bzw. niemand gefragt hat: Ist das in der Praxis überhaupt machbar?

Sie haben Zweifel?

Wir schalten Ende dieses Jahres die beiden letzten Atomkraftwerke in Deutschland ab. Die Stromleitungen Nord- und Südlink werden frühestens 2025 fertig. Macht eine Stromlücke von drei Jahren. Wenn dann noch verlangt wird, die Elektromobilität in einem festgelegten Umfang voranzutreiben und keine fossilen Energieträger mehr zuzulassen, dann geht alles in den Strommarkt. Irgendwann wird dann auch bei der Industrie der Strom knapp. Die Unternehmen zögern heute schon mit größeren Investitionen, weil sie nicht wissen, wie es mit den Energiekosten weitergeht. Große Energieverbraucher investieren daher lieber im Ausland.

Auch private Haushalte leiden derzeit ja unter den stark steigenden Energiepreisen. Die können nicht flüchten.

Unsere Handwerksbetriebe leiden auch. Und gerade die mittelständischen Firmen, zum Beispiel Bäckereien oder Industriezulieferer, die ja auch viel Strom verbrauchen, können ebenso wenig ausweichen. Die müssen den Strompreis auf ihre Produkte umlegen.

Und das trägt weiter zum allgemeinen Preisschub bei.

Genau. Es wird eine Preisspirale in Gang gesetzt, die die kleineren Einkommen auf jeden Fall zu spüren bekommen.

Apropos Preisschub: Die Stadt München hat ja für Handwerker gerade eine deutliche Erhöhung der Parkgebühren beschlossen. Wie finden Sie das?

Was mich noch mehr ärgert als die Erhöhung selbst ist der Umstand, dass wir eigentlich eine Zusage vom Mobilitätsreferat hatten, dass mit uns im Vorfeld gesprochen wird. Das ist aber nicht passiert und ich habe von dem Beschluss erst aus den Medien erfahren.

Und die Erhöhung ist ja nicht ohne.

Nein, ganz und gar nicht. Die Betriebe müssen künftig einen Aufschlag von bis zu 500 Prozent für die Parkplätze bezahlen, die sie als gewerbliche Anlieger für ihre Fahrzeuge im Kundendienst brauchen. Dass sie für ihre „normalen“ Handwerkerparkausweise jetzt 720 statt 265 Euro pro Fahrzeug bezahlen sollen, kann ich auch nicht nachvollziehen. Diese und andere Entscheidungen der Stadtspitze erschweren es unseren Betrieben zunehmend, ihrer Tätigkeit nachzugehen. Ich halte diese Politik für unverantwortlich und wirtschaftsfeindlich.

Viele Handwerker sind momentan in der Lage, dass sie sich Aufträge aussuchen können. Werden viele künftig München meiden?

Das geschieht bereits und zwar gar nicht so selten. Betriebe aus dem Oberland und den Gemeinden rund um München sagen sich, mein Einsatzbereich endet vor dem Münchner Stadtgebiet. Dabei geht es gar nicht nur um Parkkosten, sondern auch die Anfahrtszeit, die immer unkalkulierbarer wird, auch weil es immer weniger Parkmöglichkeiten in der Stadt gibt.

Wie könnte man die Probleme lösen?

Es gibt 8000 Einwohner im Altstadtbereich, und es gibt auch 8000 Stellplätze. Viele der Anwohner haben aber auch einen Stellplatz in einer Tiefgarage, die zur Wohnung gehört. Solche Autofahrer sollten nicht noch zusätzlich einen Anwohnerparkausweis bekommen. Dazu kommt: Anwohnerfahrzeuge werden während der Woche kaum bewegt. Allenfalls am Freitag, wenn ein Großeinkauf gemacht wird, oder am Wochenende für einen Ausflug. Den Rest der Zeit parkt das Auto nur, weil man in der Stadt mit den Öffentlichen und dem Fahrrad besser durchkommt.

Was müsste anders laufen?

Anwohnerfahrzeuge müssten nach Möglichkeit in Tiefgaragen abgestellt werden. Die frei werdenden Flächen im öffentlichen Raum könnten für Radwege, Lieferverkehr, Handwerker oder Mobilitätseingeschränkte ausgewiesen werden. Neue Tiefgaragen sollten so geplant werden, dass auch Lieferfahrzeuge parken können. Das ist bis heute nämlich nicht der Fall. Zum Beispiel bei der neuen Tiefgarage am Thomas-Wimmer-Ring. Da ist die Zufahrtshöhe 2,20 Meter. Da kommen Sie auch mit einem normalen Kastenwagen nicht rein. Wenn das anders wäre, könnten Handwerker für den gesamten Bereich bis hin zur Maximilianstraße erst ihr Material an der Baustelle oder beim Kunden abliefern und dann in der Tiefgarage parken.

Fühlen sich Handwerker in München noch willkommen?

Derzeit kann man das Gefühl bekommen, dass man als Unternehmen innerhalb des Mittleren Rings nicht mehr gern gesehen ist. Es fehlt am Verständnis dafür, wie wichtig der Wirtschaftsverkehr für die Stadt München ist. Es müssen ja auch Filialen beliefert werden, Bäckereien, Metzgereien, oft sogar mehrmals am Tag. Da muss der Lieferwagen nah genug heranfahren können, damit zum Beispiel die Kühlkette nicht unterbrochen wird. So etwas muss auch weiterhin möglich sein, um Aufträge auszuführen, zu liefern und die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

Interview: Corinna Maier

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