Studie: Ein-Euro-Jobs verdrängen reguläre Stellen

Billig-Kräfte: - München -­ Manche Stadtverwaltung ließ ihre Schulen mit Ein-Euro-Kräften streichen. In Potsdam wurde ein 46-köpfiges Orchester komplett von der Arbeitsagentur finanziert. Der Bundesrechnungshof hat den Missbrauch der Ein-Euro-Kräfte bereits scharf kritisiert. Jetzt hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Vorwürfe verschärft: Billig-Kräfte verdrängen in großem Umfang Arbeitsplätze, heißt es in einer Studie.

Die Ein-Euro-Jobs ­ im Amtsdeutsch "Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung" ­ wurden im Rahmen der Hartz-IV-Reform Anfang 2005 eingeführt. Ziel war es, Langzeitarbeitslose wieder an einen geregelten Joballtag zu gewöhnen. Die Billig-Kräfte erhalten zusätzlich zum Arbeitslosengeld II einen Stundenlohn von etwa einem Euro ­ daher der Name. Derzeit gibt es bundesweit rund 290 000 Ein-Euro-Kräfte ­ überproportional viele im Osten.

Um reguläre Arbeitsplätze nicht zu gefährden, müssen Ein-Euro-Jobs zwei Kriterien erfüllen: Sie sind zusätzlich und im öffentlichen Interesse. Jede zweite Einrichtung verstößt jedoch gegen die Anforderungen, ergab die Studie. So setzte jeder fünfte Betrieb die Ein-Euro-Jobber als Krankheitsvertretung und zum Abbau von Überstunden ein. Langfristig dürfte dies zum Abbau von regulären Stellen führen, heißt es in der Studie weiter. Vier Prozent der Betriebe gaben sogar explizit an, durch die Zusatz-Jobber Personal eingespart zu haben. Hochgerechnet handelt es sich bundesweit um mehr als 2000 Einrichtungen.

"Eine zu 100 Prozent öffentlich finanzierte Beschäftigung darf nicht dazu führen, dass reguläre Beschäftigung verringert wird", schreiben die IAB-Forscherinnen Anja Kettner und Martina Rebien. Die Arbeitsvermittler müssten daher stärker kontrollieren, was sie genau fördern und welche Tätigkeit der Arbeitslose tatsächlich ausübt. "Dadurch lassen sich Verdrängungsprobleme minimieren", sagt Kettner.

Die Billig-Konkurrenz macht nicht nur vielen Firmen das Leben schwer. Auch den Betroffenen ist durch den Ein-Euro-Job meist nicht geholfen. Lediglich zwei Prozent der Einrichtungen planten eine Übernahme der Arbeitslosen. "Ein-Euro-Jobs bieten nur selten eine Brücke in eine reguläre Beschäftigung", so Kettner.

Billig-Kräfte im Osten haben dabei bessere Chancen als ihre Kollegen im Westen. So hielten die Betriebe jeden zweiten Ostdeutschen fit genug für einen regulären Job. Bei den Westdeutschen war es nur jeder Dritte. "Die ostdeutschen Ein-Euro-Jobber sind im Vergleich deutlich qualifizierter", begründet Kettner die Kluft zwischen Ost und West.

Angesichts der massiven Verdrängungseffekte sieht CSU-Arbeitsmarktexperte Stefan Müller dringend Handlungsbedarf. "Die Arbeitsagenturen müssen mehr Druck auf die Betriebe ausüben." Die Abschaffung der Ein-Euro-Jobs lehnt Müller jedoch ab. "Die Grundidee ist gut, Langzeitarbeitslose für gemeinnützige Arbeit heranzuziehen."

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