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Die Impfaktionen sind angelaufen, doch viele Unternehmen treffen zu wenig Vorsorge.

Studie: Wie die Grippe die Konjunktur bremst

München - Die Folgen der Schweinegrippe werden durch die Wirtschaftskrise gedämpft. Es bleiben Milliardenkosten. Vor allem der Mittelstand ist säumig und riskiert viel.

Die Wirtschaftskrise sorgt dafür, dass die ökonomischen Folgen der Schweinegrippe spürbar abgemildert werden. Das ist das Ergebnis einer Studie des Versicherers Allianz und des Rheinisch Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). Im schlimmsten Fall liefen gesamtwirtschaftliche Kosten von hierzulande 40 Milliarden Euro auf, sagten RWI-Experte Boris Augurzky und Allianz-Vorstand Wilfried Johannßen. Das entspreche einer um 1,6 Prozent gedämpften Wirtschaftsleistung.

Im günstigsten Fall und bei flächendeckender Impfung der Bevölkerung lasse sich der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts auf 0,2 Prozent senken. Damit liegen die Hochrechnungen um gut die Hälfte unter der vor drei Jahren für die Vogelgrippe prognostizierten Schäden. Auch weil der Krankheitsverlauf der Schweinegrippe bislang deutlich milder ist, als 2006 bei der Vogelgrippe unterstellt, dürfte der aktuelle Virus H1N1 der wirtschaftlichen Erholung keinen allzu herben Dämpfer verpassen, sagt Augurzky.

In Krisenzeiten wie jetzt hätten Unternehmen weniger Aufträge. Deshalb falle es nicht so ins Gewicht, wenn Teile der Belegschaft pandemiebedingt fehlen. Gleichwohl bemängeln Allianz, RWI und die ebenfalls an der Studie beteiligte Unternehmensberatung Admed vor allem im deutschen Mittelstand und auch bei Krankenhäusern gravierende Defizite in ihrer Notfallplanung bei einer ausufernden Influenza-Pandemie. Nur jeder zweite Betrieb habe einen Pandemieplan, kritisierte Johannßen. Besonders krass sei es im Mittelstand, wo nur ein Zehntel aller Firmen vorsorgt. Nur Großkonzerne hätten die Gefahr erkannt und Impfpläne für das Personal vorbereitet, Reisebeschränkungen oder Hygienemaßnahmen in der Schublade.

Wichtig sei auch, vorsorgend eine Personalreserve zu bilden oder Tele-Arbeitsplätze vorzuhalten. Die Firmen seien zwar auf Computerausfälle vorbereitet, aber nicht darauf, was zu tun ist, wenn derjenige, der den Computer bedient, erkrankt, sagt der Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte, Wolfgang Panter. Das könne auch zu Dominoeffekten bei gut vorsorgenden Firmen führen, wenn etwa ein wichtiger Zulieferer ausfällt, warnt Augurzky. Mittelständler müssen Pandemiepläne aufstellen, fordert Admed-Geschäftsführer Sebastian Krolop. Wenn die Produktion einmal über Wochen stehe, seien die Kosten weit gewaltiger als der Aufwand für Notfallpläne.

Mängel in der Notfallplanung sieht er auch bei Krankenhäusern. „Wir müssen damit rechnen, dass es bei der zweiten Welle dieser Pandemie zu Engpässen insbesondere bei Beatmungsplätzen und Intensivbetten, aber auch auf der Personalseite kommt“, warnt Krolop. Selbst für den günstigsten Fall mit einer Erkrankungsrate von 15 Prozent der Bevölkerung haben RWI und Admed errechnet, dass bundesweit rund 45 000 Intensivbetten fehlen werden. Auch die Zahl normaler Krankenhausbetten würde nicht mehr ausreichen.

Die Milliardenkosten für Prävention wie die jetzt anlaufende Impfwelle halten die Studienmacher in jedem Fall für sinnvoll. Allein eine landesweite Impfung würde die wirtschaftlichen Kosten der Pandemie halbieren, weil die Grippe in ihrer Ausbreitung gehindert wird.

Einziger wirtschaftlicher Profiteur einer Influenza-Pandemie sei der Gesundheitssektor, der je nach Schwere der Seuche mit drei bis neun Milliarden Euro Mehreinnahmen rechnen könnte. Am stärksten von Nachfrageausfällen getroffen wären Transportwesen, Kultur und Gastgewerbe mit in der Summe vier bis zwölf Milliarden Euro Umsatzschwund.

Derzeit habe die H1N1-Grippewelle bei weitem noch nicht das Stadium eines leichten Pandemieverlaufs erreicht, sagen die Studienmacher. Die meisten Virologen rechnen aber damit, dass der seit April 2009 bekannte Erreger auf Jahre aktiv bleiben und möglicherweise mutieren wird. Weltweit sind bislang rund 400 000 Personen erkrankt und 5000 Menschen gestorben. In Deutschland ist die Seuche mit 23 000 offiziell Erkrankten und drei Todesfällen noch sehr glimpflich verlaufen.

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