Tabu gebrochen: Bier aus der Plastikflasche setzt sich durch

- München - Feinschmecker müssen jetzt tapfer sein. In der langen Bier-Geschichte hat ein neues Zeitalter begonnen, die "Polyethylenterephthalat"-Phase - kurz: PET. Im 21. Jahrhundert zuzelt die Menschheit Bier aus der Plastikflasche. Auch wenn sich die Mehrheit der Verbraucher dagegen ausspricht, hat sich Bier in der PET-Flasche den Weg in die Supermarkt-Regale freigekämpft - dank Schützenhilfe durch das Dosenpfand.

<P>"Dort, wo nach der Auslistung der Dosen bei den Discountern gähnende Leere herrschte, stehen jetzt Adelskrone, Schloss Pils, Maternus und Holsten Pils in der Leichtflasche", protokolliert die "Lebensmittel-Zeitung". Das Branchen-Blatt stellt klar: "Das vermeintliche Tabu ist gebrochen." Bier in der Plastikflasche ist nicht mehr eine Zukunftsvision, sondern Supermarkt-Alltag auch im Heimatland des Reinheitsgebots.</P><P>In den 2700 Filialen des Discounters Plus stehen seit 1. Oktober die braunen Plastikgefäße von Schloss Pils. Aldi-Nord testet in zehn Regionen Synthetik-Flaschen-Bräu, Aldi-Süd wird laut Lebensmittelzeitung nachziehen. Die Branche richtet sich auf den Plastik-Trend ein: Neben der zweitgrößten Brau-Gruppe Deutschlands, Holsten, will auch die Nummer vier, Brau und Brunnen, Bier in Plastikflaschen abfüllen. In Dortmund wird für mehrere Millionen Euro eine entsprechende Anlage aufgebaut. Der US-Chemiekonzern Dow Chemical lässt es sich 124 Millionen Euro kosten, seine PET-Produktion in Sachsen-Anhalt zu verdoppeln. "Das ist keine Alltagsinvestition, sie ragt aus der Chemiebranche heraus", jubilierte Regierungspräsident Thomas Leimbach, der die Genehmigung für einen Fertigungs-Neubau erteilte. 365 000 Tonnen des Kunststoffes sollen pro Jahr hergestellt werden - vor allem in Flaschenform.</P><P>"Sämtliche Discounter haben PET-Flaschen. Das macht einen Markt."<BR>Löwenbräu-Vorstand Karl-Heinz Knoll</P><P>Billig-Supermärkte wie Plus sehen in der PET-Flasche den Einweg-Ersatz für die Dose. Zwar müssen sie auch für das Plastik-Gefäß Pfand verlangen. Es passt aber besser in die "Insellösung". Laut Gesetz müssen die Händler nur die Verpackungen zurücknehmen, die sich nach Größe und Form nicht von ihrem Sortiment unterscheiden. Gegenüber Aluminium-Dosen lässt sich das Plastik vergleichsweise leicht formen und zur typischen Verpackung machen. In den Filialen müssen dann auch nur die eigenen Packungen zurückgenommen werden, die Insel ist gesichert.</P><P>In Umfragen bekennt sich fast keiner zur Plastikflasche. In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts "Usuma" stimmten etwa 3 Prozent der Befragten für die Plastikpackung, über 90 Prozent wollen Bier am liebsten in der Glasflasche kaufen. "Es gibt immer Studien, in denen sich die Leute anders äußern, als sie handeln", kommentiert Plus-Sprecherin Nicole Dinter. Verkaufszahlen gebe es aber noch nicht. Die Branche munkelt von einem überraschend großen PET-Erfolg. Bislang wird fast nur Billig-Bier in Plastik gefüllt. Doch bald könnten auch traditionsreiche Häuser zu Experimenten aufgelegt sein.</P><P>"Sämtliche Discounter haben PET-Flaschen, das macht einen Markt", sagt Löwenbräu-Vorstand Karl-Heinz Knoll und kündigt an: "Man wird das beobachten." Plastikflaschen galten lange als ungeeignet, weil sie die Kohlensäure schnell entweichen ließen und das Bier weniger lang haltbar war. "Es scheint jetzt einen Quantensprung bei der Technik gegeben zu haben", urteilt Knoll. Oder die Verbraucher sind härter im Nehmen. "Es gibt immer eine geschmackliche Veränderung bei Dose oder Plastik", glaubt Jürgen Resch, Geschäftsführer der deutschen Umwelthilfe. "Wer ein hochwertiges Bier trinken möchte, wird nicht zur Plastikflasche greifen."</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Volksbank verzichtet doch auf Negativzinsen für Kleinsparer
Reutlingen (dpa) - Nach scharfer Kritik und einer Klageandrohung hat die Volksbank Reutlingen ein Preismodell mit Negativzinsen für Kleinsparer zurückgezogen. In einem …
Volksbank verzichtet doch auf Negativzinsen für Kleinsparer
Dax reduziert Minus - Techwerte weiter unter Druck
Frankfurt/Main (dpa) - Der deutsche Aktienmarkt hat einen Teil seiner Tagesverluste wieder wettgemacht. Dennoch drückte der jüngste Kursrutsch an der Wall Street weiter …
Dax reduziert Minus - Techwerte weiter unter Druck
Deutsche Bahn will ihren Fahrgästen Stromverträge verkaufen
Auf dem liberalisierten Energiemarkt buhlen hunderte Anbieter um private Stromkunden. Jetzt mischt auch die Deutsche Bahn mit. Ihr größtes Pfund sind die Daten ihrer …
Deutsche Bahn will ihren Fahrgästen Stromverträge verkaufen
Speicherchip-Sparte: Toshiba verklagt Western Digital
Tokio (dpa) - Der finanziell angeschlagene japanische Technologiekonzern Toshiba hat wegen des Widerstands gegen den Verkauf seiner Speicherchip-Sparte den US-Partner …
Speicherchip-Sparte: Toshiba verklagt Western Digital

Kommentare