Tarif-Durchbruch bei der Bahn: "Eine unglaublich schwierige Geburt"

Berlin - Beim nun weitgehend beigelegten Streit zwischen Bahn und Lokführern wurde tarifpolitisches Neuland betreten. Es ging dabei um viel mehr als um Geld.

Im zehnmonatigen Tarifstreit zwischen Bahn und Lokomotivführergewerkschaft GDL ging es um viel mehr als Geld. Die Bahn musste einen zukunftsfähigen Vertrag mit den Lokführern aushandeln. Eine ähnlich harte Auseinandersetzung in der nächsten Tarifrunde 2009 hätte sie sich nicht mehr leisten können. Die GDL musste auf gleiche Augenhöhe mit den Konkurrenzgewerkschaften Transnet und GDBA kommen, damit sie künftig ernst genommen wird.

Schon die Streikandrohung hatte die Bahn nach eigenen Angaben Aufträge gekostet. Als dann die Lokführer wirklich streikten, reagierten die Kunden empört. Nach anfänglichem Zögern war das Unternehmen schließlich bereit, tarifpolitisches Neuland zu beschreiten, um damit ein "Aufschaukeln" der Auseinandersetzung zu verhindern und wieder Ruhe in die Belegschaft zu bekommen.

Mit dem "Brandenburger-Tor-Modell" kam die Bahn der GDL-Forderung nach einem eigenständigen Tarifvertrag entgegen: Unter einem Basistarifvertrag für alle gibt es "Säulen" wie bei dem Berliner Wahrzeichen. Diese Funktionstarifverträge gelten für Sparten wie Lokführer, Servicepersonal, Verwaltung und so weiter. Darin wird das Entgelt und die Arbeitszeit geregelt.

Allerdings standen die Tarifparteien bei der Bahn vor einem Problem. Von den rund 20 000 Lokführern sind etwa 5000 bei Transnet und GDBA organisiert, die als Tarifgemeinschaft mit der Bahn verhandelt haben - ohne die GDL.

Um eine Einigung zu bekommen, mussten die beiden Konkurrenten anerkennen, dass die GDL auch für ihre und damit alle Lokführer verhandelt. Im Gegenzug muss die GDL Anerkennungstarifverträge für die übrigen Berufsgruppen abschließen, für die Transnet und GDBA die Verhandlungen führen. Die Bahn spricht von gegenseitiger Anerkennung, Konflikt- und Widerspruchsfreiheit.

Zuletzt ging es in den Verhandlungen aber - wie in jeder Tarifrunde - um Arbeitszeiten und natürlich auch ums Geld. Die Gewerkschaft hatte zehn Prozent mehr gefordert, die Bahn zunächst acht Prozent angeboten, was nach ihren Angaben dem Angebot an die Tarifgemeinschaft entsprach.

Die am Samstag zwischen Bahnchef Hartmut Mehdorn, dem GDL-Vorsitzenden Manfred Schell und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee gefundene Regelung sieht künftig mehr Geld und kürzere Arbeitszeiten vor (siehe Kasten unten). Über die Details wird jetzt sowohl mit der Tarifgemeinschaft als auch mit der GDL verhandelt. Ende Januar sollen die Gespräche abgeschlossen sein. Dann wird es noch einmal ein Spitzengespräch Mehdorns mit den Vorsitzenden der Gewerkschaften geben.

Die Bahn sei nie angetreten, um ein Vorbild für andere Branchen zu schaffen, hatte Personalvorstand Margret Suckale erklärt. Doch mit ihrem neuen Weg der Vielfalt in einem Sozialverbund habe sie für andere ein Muster geliefert. Aber es sei "eine unglaublich schwierige Geburt" gewesen.

Die Details der Bahn-Tarifeinigung

Die Tarifvereinbarung bei der Bahn sieht folgende Punkte vor:

Einen eigenständigen Tarifvertrag für Lokführer.

Eine Einmalzahlung von 800 Euro für den Zeitraum vom 1. Juli 2007 bis 21. Februar 2008.

Eine Lohnerhöhung um acht Prozent ab 1. März 2008 und um drei Punkte vom 1. September 2008 bis zum 1. Februar 2009.

Ab 1. Februar 2009 eine Verringerung der Wochenarbeitszeit von 41 auf 40 Stunden bei gleichem Entgelt.

Eine neue Entgeltstruktur, die Berufserfahrung und Qualifikationen berücksichtigt.

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