Tarifkonflikt: Metaller nähern sich Stunde der Wahrheit

Stuttgart - Der Tarifkonflikt um die zukünftige Regelung der Altersteilzeit in der Metall-Branche spitzt sich immer mehr zu. Die IG Metall droht mit einem "explosiven und hochemotionalen Cocktail", falls die Tarifpartner an diesem Freitag keine Einigung erzielen.

Durchschlagen ist er noch nicht, der Gordische Knoten im Streit um eine neue Altersteilzeit in der Metall- und Elektroindustrie. Zwischen den beiden Polen - allgemeiner Anspruch auf Altersteilzeit und enge Begrenzung der Anspruchsberechtigten - hat sich aber etwas bewegt.

Die Experten von Gewerkschaft und Arbeitgebern kehren jetzt an ihre Schreibtische zurück, um verschiedene Szenarien und deren Folgekosten durchzurechnen. IG Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann erläuterte die Situation nach der vertagten sechsten Verhandlungsrunde am Montagabend: "Wir sind in der Phase, in der viele Rädchen miteinander verbunden werden, damit wir das große Rad Altersteilzeit in Bewegung bringen."

Ob die Rädchen tatsächlich ineinandergreifen, stellt sich am kommenden Freitag heraus. Erneut tagen dann die Tariffüchse in Sindelfingen, wo die IG Metall für den folgenden Montag auch ihre Große Tarifkommission zusammenruft. Das Gremium von Betriebsräten und Vertrauensleuten wird auf Basis der Ergebnisse vom Freitag das weitere Vorgehen beraten.

Als Kompromiss ist denkbar, dass die bisher sehr enge Arbeitgeber-Definition für belastete Anspruchsberechtigte auf Wunsch der IG Metall ausgeweitet wird: Nicht nur Beschäftigte von Dreier-Wechsel- und Nachtschicht, sondern etwa Schicht-Arbeiter allgemein würden dann vorrangig von einer finanziell abgefederten Altersteilzeit profitieren können. Außerdem könnte die von der Gewerkschaft als unrealistisch angesehene Bedingung einer 20-jährigen Betriebszugehörigkeit gelockert werden.

Eventuell kann die IG Metall wie bereits anvisiert für die belasteten Beschäftigten, die gewöhnlich den unteren Entgeltgruppen angehören, höhere Aufstockungsbeträge herausschlagen. Bislang dürfen Metall- Beschäftigte ab dem 57. Lebensjahr in eine sechsjährige Altersteilzeit gehen. Sie beziehen währenddessen dank der staatlichen Förderung 82 Prozent des vorherigen Nettojahreseinkommens für die Hälfte der Arbeitszeit - dieser Beitrag fällt jedoch ab Ende 2009 weg.

Wer nicht unter die Gruppe der Belasteten mit festem Anspruch fällt, könnte dann gestaffelt nach Alter in Altersteilzeit gehen, bis eine bestimmte Obergrenze pro Betrieb erreicht wird. Ob diese bei fünf Prozent liegt, wie von den Gewerkschaftern gefordert, oder bei zwei Prozent, wie von den Arbeitgebern favorisiert, ist unklar. Dass diese Beschäftigten zu den gleichen Konditionen wie ihre besonders belasteten Kollegen in die Rente gleiten können, ist unwahrscheinlich. Vorstellbar ist es, dass sie entweder auf Konten angesparte Arbeitszeit einbringen oder sich mit einer finanziell schlechteren Ausstattung begnügen müssen.

Die Frage ist, ob eine erweiterte Definition der anspruchsberechtigten Belasteten-Gruppen und ein schlechter ausgestatteter allgemeiner Anspruch beide Seiten das Gesicht wahren lässt. Für die Mitgliedschaft der IG Metall ist das Thema hochemotional, das haben die Warnstreiks mit bundesweit etwa 350 000 Teilnehmern gezeigt. Südwestmetall hat die Altersteilzeit mit Blick auf den demografischen Wandel zu einer arbeitsmarktpolitischen Prinzipienfrage hochstilisiert.

Arbeitgeberchef Stefan Roell warnt, dass die Tarifparteien im Südwesten nur noch eine Chance haben - am kommenden Freitag zwischen 13 und 21 Uhr. Doch angesichts des immensen Aufwandes ist kaum anzunehmen, dass die komplizierten Verhandlungen bei Misserfolg in einem anderen Bezirk fortgesetzt werden: Auf jeder Seite müssen die Termine von etwa 20 Herren, darunter auch Vertreter von Gesamtmetall und IG Metall-Vorstand, koordiniert werden, Statistiken und Charts studiert und die Verhandlungslokale nebst Verpflegung organisiert werden. Ein Beteiligter sieht Baden-Württemberg zum Erfolg verdammt: "Käme das Thema in einen anderen Bezirk, würden dort doch nur wieder die gleichen Spezialisten zusammentreffen."

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