Tarifvertrag für mehr Lehrstellen: Die Kollegen zahlen die Hälfte

- München -­ Wenige Wochen vor den Lohnverhandlungen in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie haben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch einmal harmonisch gezeigt. Beide Seiten einigten sich auf einen Tarifvertrag, der im anstehenden Ausbildungsjahr an die 1000 zusätzliche Lehrstellen schaffen soll. Kern der Vereinbarung: Die Kollegen in einem Betrieb übernehmen freiwillig bis zu 50 Prozent der Kosten, wenn das Unternehmen im Gegenzug einen Azubi anstellt.

Mit dem am Montag vorgestellten Ausbildungspakt betreten die IG Metall und der Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie (VBM) tarifpolitisches Neuland. Denn erstmals schaffen sie damit Raum für ein Modell, in dem nicht mehr der Arbeitgeber allein die Ausbildungskosten trägt, die in der Branche rund 36 000 Euro pro Lehrling betragen. Auch die Arbeitnehmer können sich künftig beteiligen ­ wenn sie wollen. Dies bedeutet vor allem ein Zugeständnis der IG Metall, die zuletzt immer wieder gefordert hatte, dass die Unternehmen mehr in Ausbildung investieren sollen, um die Lehrstellenlücke zu schließen.

Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer räumte in München ein, dass es in dem ab sofort gültigen Tarifvertrag nicht gelungen sei, Unternehmen in die Pflicht zu nehmen, die überhaupt nicht ausbilden. Dennoch sprach er wie VBM-Chef Bertram Brossardt von einer "Chance". Durch die Abmachung könnten nach ihren Aussagen tausend oder mehr neue Ausbildungsplätze in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie entstehen. Dies entspreche derzeit fast einem Fünftel eines Jahrgangs. "Ich denke, das wäre eine stolze Leistung", sagte Neugebauer. Nach Angaben der Gewerkschaft stehen in Bayern noch über 1800 Jugendliche im längst angelaufenen Lehrjahr 2006 ohne passende Stelle da.

Der zunächst auf das kommende Ausbildungsjahr begrenzte Pakt sieht vor, dass sich die Belegschaft eines Unternehmens freiwillig dazu bereit erklären kann, bis zu 50 Prozent der Ausbildung zu bezahlen. Jeder Beschäftigte müsste dazu einmalig und je nach Einkommen bis zu 50 Euro beisteuern, hieß es. Der Betrag berechnet sich aus der Tariferhöhung 2007, die ab März zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern ausgehandelt wird. Maximal werden pro Kopf 0,1 Prozentpunkte des dann vereinbarten Zuschlages fällig; Azubis zahlen pauschal fünf Euro. Nach Angaben der IG Metall unterstützen die Beschäftigten in den Unternehmen die neue Regelung.

Unklar ist, ob der bis 1. September 2007 gültige Vertrag verlängert wird. "Das ist zunächst eine einmalige Initiative", sagte VBM-Verhandlungsführer Helmut Keese. Man müsse sehen, wie das läuft. Offen ließen die Tarifparteien außerdem, ob sich der Vertrag auch als Regelwerk für andere Bundesländer eignet: "Das müssen die anderen Bezirke entscheiden", hieß es dazu bei der IG Metall.

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