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Hautschmuck zur Schau tragen kann der Arbeitgeber verbieten, wenn es entsprechende Regeln zur Kleiderordnung im Betrieb gibt.

Ärger ums Tattoo: Das müssen Sie wissen

München - Schandmale oder Kunst – Tätowierungen sind eine Glaubenssache, über die auch vor Gericht trefflich gestritten wird. Ein rechtlicher Überblick über den bestechenden Hautschmuck.

Ein Teufelchen auf der Schulter, eine sich windende Schlange am Fußgelenk, der Name der Kinder – Tätowierungen sind etwas Symbolhaftes für die Ewigkeit. Die einen finden sie abscheulich, die anderen können gar nicht ohne. Grundsätzlich darf sich jeder stechen lassen, der volljährig ist. Unter 18 müssen Jugendliche eine Einverständniserklärung der Eltern mitbringen. Setzt der Tätowierer die Nadel ohne diese Erlaubnis, kann ihm das Ärger bringen. So können die Eltern das Geld vom Studio zurückverlangen oder Schadenersatz fordern. Unter 16 Jahren ist das Tätowieren auch mit dem Einverständnis gesetzlich verboten.

Rechtschreibfehler sind auszubessern

Beliebt bei Tattoo-Fans sind Schriftzeichen, die geheimnisvoll die Haut zieren. Doch was, wenn etwa das gestochene chinesische Glücks-Symbol gar nicht das bedeutet, sondern ein Schimpfwort ist? Der Name des Sprösslings falsch auf den Unterarm geschrieben wurde? Die Botschaft einen Grammatikfehler aufweist? Bevor es um Schmerzensgeld oder die Kosten für die Laserentfernung geht, hat der Tätowierer zunächst das Recht, das Motiv nachzubessern. Was allerdings immer dann besonders schwierig ist, lässt man sich die Deko im Ausland stechen.

Ein hoher Promillewert im Blut des Gestochenen ist an sich übrigens kein Grund, im Nachhinein zu Klagen. Der Genuss von Alkohol schmälert nicht die gesetzliche Geschäftstüchtigkeit – Verträge kommen auch dann zustande. Kann der wieder ernüchterte Tätowierte allerdings nachweisen, dass er vor lauter Betrunkensein nichts mehr mitbekommen hatte, also nicht zurechnungsfähig war, gäbe das durchaus Anlass, den Tätowierer zur Rechenschaft zu ziehen. Allerdings würde ein seriöses Studio angetrunkene Kunden stets ablehnen.

Hautschmuck am Arbeitsplatz

Ein düsterer Totenkopf auf der Schulter, eine nackte Nixe auf dem Unterarm – ein Arbeitgeber muss nicht für alles Verständnis zeigen. „Ist das Motiv sexistisch, nationalsozialistisch oder in einer anderen Art diskriminierend, stört das den Betriebsfrieden“, sagt Fachanwalt Jobst-Hubertus Bauer. Eine Regel, diese Tattoos am Arbeitsplatz mit entsprechender Kleidung zu verdecken, sei daher durchaus denkbar – müsse aber immer mit dem Betriebsrat abgesprochen werden. Am Fließband störe der Schmuck auf der Haut wohl weniger, doch bei Kundenkontakt in einer Kanzlei oder Bank könne der Arbeitgeber doch einen gewissen Einfluss auf das äußere Erscheinungsbild nehmen. Eine Tätowierung entfernen zu lassen, sei dagegen nicht durchsetzbar.

Konkret haben deutsche Gerichte in Sachen Tattoos folgendermaßen geurteilt:

Schiefes Kunstwerk korrigieren

Eine 17-Jährige ließ sich ohne Wissen ihrer Eltern eine Tätowierung am Handgelenk stechen und zahlte dafür 50 Euro aus selbst erarbeiteten Mitteln. Sie jobbte in einer Eisdiele und verdiente sich rund 200 Euro im Monat zu ihrem Taschengeld hinzu. Rund eine Woche nach dem Besuch im Studio pochte sie darauf, dass der Tätowierer das Tattoo auf seine Kosten per Laser wieder entfernen solle – das Kunstwerk sei schief. Der weigerte sich und der Fall landete beim Amtsgericht München.

Das machte deutlich, dass es sich beim Stechen eines Tattoos um einen Werkvertrag handele, der auch von einer Minderjährigen mit eigenem Geld wirksam abgeschlossen werden könne. Sei die Tätowierung fachlich in Ordnung und hatte der Tätowierer gar angeboten, das Tattoo nachzubessern, weil das Mädchen zwischenzeitlich offensichtlich versucht hatte, das Kunstwerk selbst zu entfernen (es war ausgewaschen und verkrustet), so hat es damit sein Bewenden. Die geforderten 800 Euro für eine Laserbehandlung müsse er ebenso wenig bezahlen wie er die 50 Euro für sein Werk zu erstatten habe (AmG München, 213 C 917/11).

Bio-Tattoo muss verschwinden

Eine junge Frau aus dem Badischen hatte sich vor rund einem Jahrzehnt eine stilisierte Sonne um den Bauchnabel herum tätowieren lassen – seinerzeit als Bio-Tattoo, damit die Sonne nach drei bis sieben Jahren wieder vollständig untergeht. Das hatte ihr der Tätowierer jedenfalls zugesichert. Als die Sonne nach rund zehn Jahren immer noch nicht verschwunden (lediglich verblasst) war, verlangte die Frau Schadenersatz und Schmerzensgeld vom Tätowierer. Zu Recht, wie das Oberlandesgericht Karlsruhe entschied. Die Kundin habe einen Schadenersatzanspruch, weil sie der Körperverletzung – die durch das Nichtverschwinden des Tattoos eingetreten ist – nicht zugestimmt hatte. Auch die notwendig gewordene Laserbehandlung muss der Betreiber des Tattoo-Shops bezahlen. Die Tat ist auch nicht verjährt, weil die Verjährungsfrist nicht am Tag des Stechens zu laufen begann, sondern an dem Tag, als der erwünschte Effekt endgültig nicht eingetreten war (wofür das Gericht sieben Jahre anlegte) (OLG Karlsruhe, 7 U 125/08).

Schmerzensgeld nach Überstechen

Eine Frau aus dem Münsterland beabsichtigte, sich ein altes Tattoo am Oberarm entfernen zu lassen und entschied sich, die Hautverzierung mit einem neuen Motiv überstechen zu lassen. Es kam zu schweren Blutungen während der Behandlung sowie zu einer heftigen Vernarbung des Tattoos. Die Frau verlangte Schmerzensgeld und Schadenersatz vom Tätowierer in Höhe von 2000 Euro. Zu Recht. Dass die Frau ihr Einverständnis zu der Übertätowierung gegeben hatte, sei unerheblich, so das Amtsgericht Borken. Das habe sie nur für eine fachgerechte Erstellung eines neuen Bildes gegeben. Der Amtsrichter erkannte in dem Kunstwerk lediglich einen Tintenklecks mit Tentakeln

von S. Backs, M. Heitmann und W. Büser

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