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Konjunktur

Tausende Stellen im Handwerk unbesetzt

München - Die Auftragsbücher sind voll, die Geschäfte im oberbayerischen Handwerk laufen ausgesprochen gut. Doch die Medaille hat zwei Seiten. Mindestens 6000 Fachkräfte fehlen derzeit in den Betrieben, dazu kommen rund 1700 unbesetzte Lehrstellen.

In kaum einem Gewerk zeigt sich das Dilemma der Branche so gut wie bei den Metzgern. Die Zufriedenheit ist laut einer Umfrage der Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern nicht mehr steigerungsfähig. 100 Prozent der Befragten meldeten eine gute oder befriedigende Geschäftslage – ein neuer Rekordwert. Das gute Konsumklima, fallende Energie- und Rohstoffpreise kamen nicht nur den Metzgern, sondern allen Lebensmittelhandwerken im vergangenen Jahr zugute. Gleichzeitig finden die Betriebe kaum noch Fachkräfte, geschweige denn Nachwuchs. „In den Lebensmittelhandwerken ist der Mangel besonders groß“, sagt Georg Schlagbauer. Der HWK-Präsident betreibt selbst zwei Metzgereien in München, er ist leidgeprüft.

Insgesamt waren Ende Dezember im oberbayerischen Handwerk gut 288 000 Personen beschäftigt. Kaum eine Veränderung zum Vorjahr. Dabei suchen die Betriebe Personal – lediglich 55 Prozent konnten alle offenen Stellen besetzen. „Wenn man voraussetzt, dass in diesen Betrieben nur jeweils eine Fachkraft gesucht wird, würde das einen Bedarf von mindestens 6000 Stellen ergeben, die im oberbayerischen Handwerk aktuell offen sind“, rechnet Schlagbauer vor. Dazu kämen etwa 1700 Ausbildungsplätze (17 Prozent), die 2014 nicht besetzt werden konnten.

Der Fachkräftemangel sei eine der Hauptaufgaben für die Zukunft, betont Schlagbauer. Die Handwerkskammer will künftig mehr Realschüler und Abiturienten für eine Ausbildung gewinnen. „Das Handwerk bietet auch Jugendlichen mit einem höheren Schulabschluss viele Chancen als Führungskräfte und Betriebsnachfolger“, betont Schlagbauer. In den kommenden Jahren stünde bei 15 000 Betrieben die Übergabe an. Eine weitere Maßnahme im Kampf um Nachwuchs: Die Handwerker sprechen derzeit verstärkt junge Flüchtlinge an. Sie sollen nach Sprachkurs und Schulabschluss das Handwerk über Praktika kennenlernen und anschließend eine Ausbildung beginnen. Gemeinsam mit anderen Wirtschaftsverbänden macht sich die HWK für ein Bleiberecht für Flüchtlinge während und für mindestens zwei Jahre nach der Ausbildung stark. Ergebnisse gibt es dazu aber bisher nicht.

Doch trotz Nachwuchssorgen ist die Stimmung in den Betrieben gut. Das niedrige Zinsumfeld nutzten viele im vergangenen Jahr für Investitionen. Das Volumen stieg um 7,4 Prozent auf 985 Millionen Euro. 88 Prozent der Betriebe bewerteten ihre Geschäftslage zuletzt mit gut oder befriedigend. Im Schnitt standen zum Jahreswechsel Aufträge für die nächsten sechs Wochen in den Büchern. Die Umsätze legten im vierten Quartal noch einmal zu. Laut HWK dürfte sich der Umsatz für das Gesamtjahr auf rund 33,9 Milliarden Euro belaufen – nominal ein Plus von 2,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Auch für 2015 gehen die Handwerker von einem Umsatzplus aus. Schlagbauer rechnet – gestützt durch den robusten Arbeitsmarkt und steigende Einkommen – mit einer starken Binnennachfrage. Die Preise beim Metzger und Bäcker dürften trotz guter Geschäfte vorerst allerdings nicht sinken. „Im Lebensmittelhandwerk rechne ich mit stabilen Preisen“, sagt Schlagbauer. So wird es jedenfalls der HWK-Präsident selbst in seinen Metzgereien halten.

Manuela Dollinger

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