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Die Spritpreise steigen und steigen. Wenn die EU ihre Reformpläne durchsetzt, machen sich neue Sorgen breit.

Lohnt sich der Kauf eines Diesel-Autos noch?

München - Die Vorschläge der EU-Kommission für höhere Mindeststeuern auf Diesel entfachen Streit in Europa. Insbesondere Berlin geht auf die Barrikaden. Kommissionspräsident Barroso gibt sich aber standhaft und spricht von einem „außerordentlich vernünftigen“ Vorschlag. Doch lohnt sich der Kauf eines Diesel-Autos noch?

Mit dem Vorschlag für eine höhere Besteuerung von Dieselkraftstoff fordert EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Bundesregierung heraus. „Wir brauchen eine Reform der Energiesteuern in Europa“, sagte Barroso. Die EU pocht auch deshalb auf die „grünen Steuern“, um die Klima- und Energieziele bis 2020 zu erreichen.

Künftig zählt auch CO2

Brüssel will künftig bei den Steuern sowohl den Energiegehalt eines Kraft- und Heizstoffes als auch den Ausstoß des Treibhausgases CO2 berücksichtigen. Deswegen sieht die Behörde vor allem bei Diesel Handlungsbedarf. Bisher ist bei den Steuern allein der Verbrauch maßgeblich.

Deutscher Steuersatz schon jetzt höher

Während der EU-Mindeststeuersatz für Benzin nach den Plänen unverändert bei 35,9 Eurocent bleibt, soll der Mindestsatz für Diesel von derzeit 33 Cent bis 2018 auf 41,2 Cent steigen. Da Deutschland jetzt schon einen Steuersatz auf Diesel von 47 Cent je Liter hat, müsse der Preis nicht steigen, meinten EU-Experten. Andere EU-Länder wie Luxemburg oder Litauen müssten aber aufgrund der EU-Vorgaben ihre Dieselsteuern nach oben schrauben. Die Übergangsfrist soll 2023 enden. Nach Angaben von Kommissionsexperten wäre dann ein Diesel-Mindeststeuersatz von 74,9 Cent erreicht. Erst zu diesem Termin – und nicht früher – könnte es nötig werden, in Deutschland die Preise anzuheben.

Bedenken in einigen EU-Ländern

Der Vorschlag der Kommission muss nun im EU-Parlament und im EU-Finanzministerrat beraten werden. Das überarbeitete Gesetz soll 2013 in Kraft treten. Falls ein Mitgliedsland wie etwa Deutschland Einwände hat, kann es die Reform im Ministerrat blockieren. Deutsche Politiker aus dem Regierungslager hatten bereits vor der Präsentation der Pläne auf breiter Front mobil gemacht. Dagegen halten die Grünen den Vorschlag für klima- und umweltpolitisch sinnvoll. Laut Brüsseler Diplomaten gibt es zudem erhebliche Bedenken aus Großbritannien. London und Dublin stehen Steuerplänen der EU skeptisch gegenüber. In der Gesetzgebung kann die EU nur Mindeststeuersätze vorgeben, die von den Mitgliedstaaten überschritten werden können. Für die endgültigen Steuern selbst sind die Mitgliedstaaten allein verantwortlich.

Kommissionspräsident Barroso sagte: „Was wir vorschlagen, ist außerordentlich vernünftig.“ Derzeit würde die Arbeit von Menschen besteuert, die Energie aber nicht in vergleichbarer Weise. „Das ist absurd.“ Der Plan sei im Interesse der Umwelt und der Industrie. Der Portugiese erinnerte daran, dass vor Jahren der Vorstoß der Kommission für eine Begrenzung des CO2-Ausstoßes bei Autos am Anfang scharf kritisiert worden sei. „Die deutsche Autoindustrie ist daraus als Sieger hervorgegangen“, bilanzierte Barroso. Es gebe zudem die lange Übergangsfrist von zwölf Jahren. Da Diesel einen höheren Energiegehalt hat als Benzin, müsste er nach den EU-Plänen auch höher besteuert werden.

Kritik der Autokonzerne

Nach Ansicht der deutschen Autoindustrie werden sich die Dieselfahrer und auch die Verbraucher dann auf deutlich steigende Kosten einstellen müssen. „Höhere Transportkosten bedeuten höhere Verbraucherpreise. Das trifft jeden Konsumenten“, meint der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann. EU-Steuerkommissar Algirdas Semeta sagte, er habe zur Vorbereitung der Reform mehrfach mit Finanzminister Schäuble gesprochen, auch die Automobilindustrie sei eingebunden gewesen.

Lohnt sich der Kauf eines Diesel-Autos noch?

Die 20 000-Kilometer-Grenze

Vielfahrer werden nach Expertenansicht auch in den kommenden Jahren günstiger mit Diesel-Autos unterwegs sein als mit benzinbetriebenen Fahrzeugen. „Der Kauf eines rund fünf bis zehn Prozent teureren Diesels lohnt sich weiterhin, solange beim Fahrzeug der Wahl Verbrauch, Anschaffungspreis, Einsatzzweck und Wertverlust in einem akzeptablen Verhältnis stehen“, erklärte Nick Margetts vom Marktbeobachter Jato Dynamics. Von den Debatten über eine neue Energiesteuer-Richtlinie der Europäischen Union und die mögliche Verteuerung des Dieselkraftstoffs sollten sich Autokäufer nicht verunsichern lassen.

Ab einer Jahreslaufleistung von etwa 20 000 Kilometern bleibe ein Selbstzünder ökonomisch gesehen fast immer die bessere Wahl, erklärte der Experte. Entscheidend dafür sei vor allem der deutliche Verbrauchsvorteil gegenüber einem vergleichbaren Benzinmodell.

Sorge um Wiederverkaufswert

Dass der Dieselpreis künftig drastisch in die Höhe schießen wird, erwartet Margetts nicht: „In Deutschland ist nur eine geringfügige Anpassung nach oben wahrscheinlich, mehr wird der Staat nicht zulassen – auch wenn die EU Druck macht.“ Deshalb dürften Diesel bei Vielfahrern auch auf längere Sicht beliebt bleiben. Folglich müssten sich Fahrzeughalter auch keine Sorgen um einen plötzlichen, hohen Wertverlust ihres Selbstzünders machen. Auch die zunehmende Zahl von Elektroautos werde vorerst keinen Einfluss auf den Wiederverkaufswert haben. Das gelte generell für Autos mit Verbrennungsantrieb: „Bis sich in dieser Hinsicht etwas tut, vergehen mindestens noch zehn Jahre“, sagte Margetts.

Von Christian Böhmer

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