Taxis warten am Stachus in München auf Kundschaft.
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Warten auf Kunden: Münchens Taxifahrer sind zwar nur indirekt vom Lockdown betroffen, dafür aber umso heftiger: Ohne Messen, Touristen und Nachtleben ist das Geschäft eingebrochen.

Tausende Taxiunternehmen von Pleite bedroht

Münchner Taxler: „Jetzt ist wieder alles tot“

  • Martin Prem
    vonMartin Prem
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Viele Unternehmen, die in den Lockdown gezwungen sind, werden mit Steuergeldern großzügig unterstützt. Allerdings könnte eine ganze Branche unter die Räder kommen, deren Geschäfte ebenfalls zusammengebrochen sind, die aber leer ausgeht.

München – Der Bundesverband Taxi und Mietwagen hat nun in einem Brief an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf die existenzgefährdende Situation der Branche hingewiesen. 12 000 von 55 000 Unternehmen seien bedroht und 80 000 von 250 000 Jobs. Wir sprachen mit Jörg Wohlfahrt, Vorstand der Taxi-München eG.

Ihr Bundesverband hat in seinem Schreiben an Peter Altmaier beängstigende Zahlen genannt. Ein Viertel der Unternehmen und der Arbeitsplätze in der Taxibranche sind gefährdet. Wie sieht es in München aus?

In München haben wir die gleiche Situation. Wir haben seit April einen Umsatzrückgang von 70 bis 80 Prozent zu verzeichnen. Im Sommer war es dann zeitweise ein bisschen besser. Doch jetzt ist wieder alles tot. Die Kollegen, die zu uns kommen, sind verzweifelt. Ursachen der Miesere sind: Keine Touristen, keine Geschäftsleute, keine Privatfahrten und die Kneipen sind dicht. Die Leute sollen zu Hause bleiben. Und sie tun es. Man muss nur durch die Fußgängerzone gehen, um zu sehen, was los ist.

Wie bedrohlich ist die Situation für die einzelnen Unternehmen?

Existenzgefährdend. Die Gewinnspanne der Branche liegt zwischen fünf und zehn Prozent von den Umsätzen. Die Umsätze sind gegenüber dem Vorjahr auf 20 bis 30 Prozent eingebrochen. Damit ist eine 70-prozentige Unterdeckung gegeben. Damit sind nicht nur die zehn Prozent weg, die wir an Gewinn hatten.

Heißt das: Die Taxiunternehmen verlieren Monat für Monat Geld.

Die Taxiunternehmen machen durch die Bank Verlust. Sie wären auf Zuschüsse angewiesen.

Gibt es für Sie keine staatlichen Hilfen?

Nein, es gibt keine. Wir sind ja nicht nicht – wie andere – in den Lockdown gezwungen. Wir könnten fahren. Aber es fährt halt niemand mehr mit uns, weil alles andere im Lockdown ist.

Sie sind ja sogar verpflichtet zu fahren.

Wir haben eine Betriebspflicht. Das heißt: Wir können gar nicht ohne Weiteres für einige Wochen aufhören. Aber selbst, wenn wir könnten, würde uns das nicht weiterhelfen. Es sind ja vor allem Fixkosten, die Monat für Monat gezahlt werden müssen. Der Kredit fürs Fahrzeug läuft ja weiter. Und das ist mit 500 bis 600 Euro im Monat von den Fixkosten der größte Posten. Die variablen Kosten, etwa die Steuern fürs Fahrzeug, kann man sich sparen, wenn man ein Auto abmeldet.

Sind denn Taxis in München abgemeldet?

Wir haben 231 Mehrwagenunternehmen. Die haben zusammen rund 1760 Taxis. Davon sind gerade rund 80 Prozent stillgelegt. Die 930 Einzelunternehmen legen nicht still, die haben nur ihr Taxi zum Leben

Ist das trotz Betriebspflicht möglich?

Wir können uns vom Kreisverwaltungsreferat in der Regel für drei Monate von der Betriebspflicht befreien lassen. Das wird derzeit sehr großzügig gehandhabt und zum Teil sogar für ein Jahr genehmigt. Aber es ist kein Ausweg aus der Fixkostenfalle.

Jörg Wohlfahrt Vorstand der Taxi München eG

Gibt es denn Fälle von Unternehmen, die bereits aufgegeben haben?

Konkrete Fälle von Insolvenz sind mir noch nicht bekannt. Denn es gibt ja derzeit die verzögerte Insolvenzmeldepflicht. Diese Welle wird uns also erst Anfang nächsten Jahres erreichen, wenn die Regelung ausläuft. Wir selbst haben auch ein Alarmsignal: Es gibt jede Menge Stundungen bei den Beitragszahlungen für uns als Vermittlungszentrale der Taxigenossenschaft. Aber irgendwann muss für diese Leistung gezahlt werden. Falls nicht, müssen Fahrzeuge für die Vermittlung gesperrt werden, weil sonst die benachteiligt werden, die noch zahlen. Aber wenn die vermittelten Fahrten ausfallen, ist das noch schlechter fürs Geschäft.

Die Lage der Branche ist demnach trostlos.

Mehr noch: Sie ist kritisch, ganz kritisch.

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