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„Für die Klinik ist es immer lukrativer zu operieren statt den Patienten wieder nach Hause zu schicken.“ TK-Chef Jens Baas sieht darin eine Ursache für den massiven Anstieg der Operationszahlen in Deutschland.

Interview mit neuem TK-Chef

Falsche Anreize, überflüssige Operationen

München - Jens Baas, seit einem Jahr Chef der Techniker Krankenkasse, scheut das offene Wort nicht. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht er über überflüssige Operationen und die Überlebenschancen der privaten Krankenversicherung.

„Niemand interessiert sich ernsthaft für Qualität im Gesundheitswesen.“ Jens Baas, seit einem Jahr Chef der Techniker Krankenkasse, scheut nicht das offene Wort. Als ehemaliger Arzt und Unternehmensberater kennt der 46-Jährige nur zu gut die Schwachstellen im Gesundheitswesen. Wir sprachen mit ihm über überflüssige Operationen, unsinnige Kochkurse und die Überlebenschancen der privaten Krankenversicherung.

Schwarz-Gelb hat ein milliardenschweres Rettungspaket für Kliniken beschlossen – sinnvolle Unterstützung oder unnötiges Wahlgeschenk?

Beides. Es ist unstrittig, dass einige Kliniken mehr Geld benötigen. Dass gerade jetzt Geld fließt, hängt natürlich mit dem Wahlkampf zusammen. Was mich an dem Rettungspaket ärgert: Mit den Milliarden müssen jetzt die gesetzlich Versicherten dafür zahlen, dass die Länder immer weniger in die Kliniken investieren. Eine nachhaltige Lösung der Klinik-Probleme bietet das Rettungspaket jedenfalls nicht.

Zu den größten Problemen gehört, dass die Zahl der Operationen zuletzt massiv gestiegen ist. Wird in Deutschland zu viel operiert?

Eindeutig ja. Aber diese Entwicklung ist nicht erstaunlich. Die Klinikchefs verhalten sich nur rational, wenn sie sich darum kümmern, dass ihre Betten möglichst gut ausgelastet sind. Hinzu kommt: Deutschland hat immer noch deutlich mehr Krankenhausbetten als die meisten europäischen Länder, ohne dass die Versorgung besser ist.

Das heißt: Wir brauchen weniger Kliniken.

Ich würde lieber sagen: Wir müssen Kliniken umwidmen. Gerade auf dem Land wäre oftmals ein medizinisches Versorgungszentrum mit angeschlossener Notfallambulanz sinnvoller als eine Klinik mit Rundum-Versorgung.

Wenn Kliniken nur mit teils überflüssigen Operationen überleben können – braucht es dann nicht ein neues Vergütungssystem?

Es werden auf jeden Fall falsche Anreize gesetzt. Für die Klinik ist es immer lukrativer zu operieren, statt den Patienten wieder nach Hause zu schicken. Da sollten wir ansetzen.

Jedes Jahr sterben in deutschen Kliniken tausende Patienten – unter anderen durch Hygienemängel. Wie lässt sich die Behandlungsqualität verbessern?

Jens Baas ist Arzt und Unternehmensberater. Seit Juli 2012 steht der 46-Jährige an der Spitze der Techniker Krankenkasse (TK). Baas arbeitete zunächst als Transplantationsarzt an den Universitätskliniken Heidelberg und Münster, bevor er 1999 zur Unternehmensberatung Boston Consulting Group wechselte. Mit rund 8,5 Millionen Versicherten ist die Techniker Krankenkasse nach der Barmer GEK (8,7 Millionen) die zweitgrößte Kasse in Deutschland. Baas ist Chef von rund 12.500 Mitarbeitern.

Das Problem: Niemand ist ernsthaft an Qualität interessiert. Qualität bedeutet Transparenz – und Transparenz ist eines der unbeliebtesten Worte im Gesundheitswesen. Da schließe ich die Kassen nicht aus. Um die Qualität und damit die Patientensicherheit zu verbessern, braucht es drei Schritte: Zunächst müssen wir Behandlungsqualität definieren. Das ist Aufgabe der Fachgesellschaften der Ärzte. Dann brauchen wir eine einheitliche Datenerfassung. Es macht keinen Sinn, wenn jede Kasse dies für sich macht. Im dritten Schritt müssen wir Anreize für mehr Qualität schaffen – etwa eine bessere Vergütung für hervorragende Kliniken.

Die Kassen können doch schon heute anhand der eigenen Daten sehen, welche Klinik gut behandelt – und entsprechende Empfehlungen geben?

Das würden wir gern. Leider dürfen wir das nicht, weil es bisher keine juristisch wasserfesten Qualitätskriterien gibt. Wenn wir zum Beispiel unsere Versicherten informieren, dass es in einem Krankenhaus viele Komplikationen gibt, dann drohen uns sofort Klagen.

Seit Anfang des Jahres gibt es keine Praxisgebühr mehr. Ist die Zahl der Arztbesuche dadurch gestiegen?

Wir sehen bisher keine Veränderungen. Lediglich die Zahl der Arzneimittel-Verschreibungen ist im ersten Quartal leicht gestiegen. Dies dürfte allerdings ein Einmaleffekt bleiben.

Kaum jemand auf der Welt geht so oft zum Arzt wie die Deutschen. Braucht es nach der Abschaffung der Praxisgebühr ein neues Steuerungsinstrument?

Um eines klarzustellen: Wir wollen keine neue Praxisgebühr. Eine solche Steuerung ist nicht der richtige Ansatz. Die Praxisgebühr trifft vor allem Geringverdiener. Mir wäre lieber eine Steuerung über Qualität. Wir müssen die Patienten zu den Ärzten steuern, bei denen sie eine nachweislich gute Behandlung bekommen.

Mit einem neuen Präventionspaket will die Regierung die Vorsorge ausweiten. Lässt sich gesunde Ernährung mit Anzeigen-Kampagnen verordnen?

In der Vergangenheit wurde Prävention oftmals zu stark unter Marketing-Aspekten betrachtet. Die Kassen finanzierten etwa Kochkurse für gesunde Ernährung. Daran nehmen aber nur diejenigen teil, die sich schon für das Thema interessieren. Grundsätzlich ist es sinnvoll, die Prävention zu stärken. Allerdings hat das Gesetz einige Tücken. So sollen die Kassen künftig in die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einzahlen. Damit würden die gesetzlich Versicherten eine Bundesoberbehörde finanzieren – das hat es noch nie gegeben.

Wo sollte das Geld stattdessen hinfließen?

Wir müssen die Prävention in den Betrieben stärken. Wie lassen sich etwa Stresssituationen durch bessere Abläufe vermeiden? Die Gesundheitsvorsorge beginnt schon im Kindergarten oder in der Schule. Wir unterstützen beispielsweise eine Kampagne, wie sich Kinder gegen Mobbing wehren können.

Die Techniker Krankenkasse schüttet Anfang 2014 bis zu 80 Euro pro Versicherten aus. Wann ist die Milliarden-Reserve aufgebraucht und Zusatzbeiträge nötig?

Trotz der Ausschüttung verfügt die Techniker Krankenkasse noch über die gesetzliche Maximal-Reserve von zwei Monatsausgaben. Die Selbstverwaltung hat daher uns als TK-Vorstand beauftragt, auch eine Dividende für 2014 zu planen. Insgesamt rechne ich in der gesetzlichen Krankenversicherung für 2014 nicht mit Zusatzbeiträgen. Spätestens 2015 dürften dann wieder einige Kassen Extra-Gebühren verlangen. Die Techniker Krankenkasse wird auf jeden Fall deutlich länger als viele andere Kassen ohne Zusatzbeiträge auskommen.

Umfragen zeigen, die Versicherten wollen vor allem stabile Beiträge. Warum schütten Sie erst Milliarden aus, um das Geld später wieder als Zusatzbeitrag einzutreiben?

Das zeigt, dass das heutige System nicht funktioniert. Die Kassen müssen wieder mehr Finanzautonomie bekommen. Vor Einführung des Gesundheitsfonds hätten wir einfach den Beitragssatz gesenkt. Das ist nicht mehr möglich.

Die Zahl der Mediziner steigt und steigt. Dennoch warnen Ärzteverbände vor drohenden Engpässen auf dem Land. Was läuft falsch?

Wir haben ein Verteilungsproblem. Das lässt sich aber nicht allein mit höheren Honoraren lösen. Nur wenige junge Ärzte ziehen mit ihren Familien in einen Ort, in dem es keine Schule und keine kulturellen Angebote gibt.

Wie lassen sich dann Ärzte aufs Land locken?

Wir müssen uns neue Versorgungskonzepte überlegen. Pflegekräfte könnten einfachere Aufgaben wie Verlaufskontrollen oder Verbandswechsel übernehmen. Auch mobile Praxen sind denkbar. Dann kommt der Arzt einmal in der Woche zu einem festen Termin in den Ort.

Rot-Grün kämpft für die Bürgerversicherung. Unterstützen Sie die Reform?

Die Bürgerversicherung, wie sie SPD und Grüne fordern, lehne ich ab. Einen einheitlichen Markt für gesetzlich und privat Versicherte halte ich aber für sinnvoll.

Sie plädieren also auch für die Abschaffung der privaten Krankenversicherung.

Ich würde die private Krankenversicherung für Neumitglieder schließen. Jeder, der heute privat versichert ist, kann jederzeit wieder in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln. Die Altersrückstellungen würde ich bei den privaten Versicherungen belassen. Allerdings müsste bei einem Wechsel eines Versicherten in die gesetzliche Krankenversicherung dann daraus eine Art Rentenbeitrag an den Gesundheitsfonds fließen.

Die private Krankenversicherung (PKV) kämpft mit Niedrigzinsen und kräftig steigenden Ausgaben. Hat die PKV dauerhaft eine Überlebenschance?

Ich fürchte, dass die private Krankenversicherung in den nächsten Jahren in massive Existenznöte kommt – und die gesetzliche Krankenversicherung die Versicherten dann auffangen muss. Daher plädiere ich dafür, jetzt einen vernünftigen Übergang in einen einheitlichen Versicherungsmarkt zu schaffen.

Die PKV weist solche Kritik stets zurück und argumentiert mit den hohen Altersrückstellungen.

Die Altersrückstellungen reichen nur aus, um den demografischen Wandel abzufedern. Der medizinische Fortschritt ist darin nicht berücksichtigt. Auch gegen die massiv steigenden Ausgaben für Ärztehonorare hat die PKV kein Mittel. Die Mediziner töten hier die Kuh, die sie melken. Was mich aber am meisten ärgert, ist der Ruf der PKV nach dem Gesetzgeber. Als privates Unternehmen kann ich doch nicht ständig nach dem Staat rufen. Die Techniker Krankenkasse hat heute rund siebenmal mehr Zugänge aus der PKV, als in die PKV wechseln. Wir haben keine Angst vor dem Wettbewerb mit den privaten Kassen.

Interview: Steffen Habit

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