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30 Stunden die Woche dauert die Ausbildung, die Jacqueline Druschba bei der Münchner Hypothekenbank absolviert.

Teilzeit-Ausbildung: Chance für junge Eltern

München - Für junge Eltern ist es oft schwer, Familie und Beruf zu vereinbaren – vor allem wenn sie am Beginn ihrer Karriere stehen. Eine Ausbildung in Teilzeit kann den Einstieg erleichtern.

Jacqueline Druschba ist dreifache Mutter und Azubi in Teilzeit. Die junge Frau, Pferdeschwanz, weiße Bluse, schwarzer Hosenanzug, lächelt. Nein, leicht ist das nicht – Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Vier, sieben und zehn Jahre alt sind ihre Kinder. Wenn die beiden Großen morgens in der Schule sind und das Nesthäkchen im Kindergarten, fährt Jacqueline Druschba zur Arbeit. Die 31-Jährige hat im September eine Ausbildung zur Bürokauffrau bei der Münchener Hypothekenbank begonnen – in Teilzeit.

Statt 40 Stunden die Woche, arbeite sie nur 30. Schule ist immer montags ab 9 Uhr. Dienstag bis Freitag sitzt die junge Mutter ab 8.45 Uhr am Schreibtisch, sechs Stunden bis 14.45 Uhr – wenn nichts dazwischenkommt. „Wenn die Kinder mal krank sind, ist es wichtig, dass der Arbeitgeber flexibel ist“, sagt sie. Und das ist er.

Die Münchener Hypothekenbank ist einer von knapp 20 Arbeitgebern, die an dem Münchner Projekt „Teilzeitausbildung für junge Eltern“ teilnehmen. Auch Telekom und Obi bilden junge Eltern in Teilzeit aus. 24 Ausbildungsplätze für Kaufleute für Bürokommunikation wurden 2012 in Teilzeit angeboten und besetzt, eine separate Berufsschulklasse wurde gebildet. Ein junger Vater, 23 junge Mütter – eine davon ist Jacqueline Druschba.

Nach neun Jahren Pause, drei Jahre für jedes Kind, hat die 31-Jährige das Fachabitur nachgeholt – mit einem Einser-Abschluss. Eigentlich wollte sie studieren, doch momentan sei das finanziell schwierig, erklärt sie. Auf der Suche nach einer passenden Ausbildung stolperte sie letztes Jahr über das Teilzeit-Projekt, schrieb Bewerbungen, wurde eingeladen und unterschrieb den Ausbildungsvertrag.

Die meisten Teilzeit-Azubis arbeiten wie Druschba 30 Stunden die Woche, manche 25. Theoretisch ist eine Teilzeit-Ausbildung aber auch mit 20 Stunden Arbeitszeit möglich, dann verlängert sich die Ausbildung allerdings um ein Jahr. Bereits seit 2005 ist es unter bestimmten Voraussetzungen möglich, eine Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren – theoretisch. In der Praxis ist die Teilzeit-Ausbildung wenig bekannt und noch weniger verbreitet.

Von rund einer halben Million Ausbildungsverträge, die 2010 abgeschlossen wurden, waren 1056 in Teilzeit. „Es gibt noch sehr viel zu tun“, sagt Hubert Schöffmann, stellvertretender Bereichsleiter Berufsbildung bei der IHK für München und Oberbayern. Deshalb hat die IHK gemeinsam mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern, der Agentur für Arbeit und der Stadt München im vergangenen Jahr das Projekt „Teilzeitausbildung für junge Eltern“ gestartet.

Warum junge Eltern? Ganz einfach: Nach dem Berufsbildungsgesetz ist eine Teilzeit-Ausbildung nur „bei berechtigtem Interesse“ möglich. Berechtigtes Interesse besteht, wenn ein Auszubildender ein Kind betreuen muss oder einen Angehörigen pflegt. Die Teilzeit-Ausbildung richtet sich also nicht an alle. Wie bei einer Vollzeit-Ausbildung erhalten die Teilzeit-Azubis eine Vergütung – allerdings kann der Arbeitgeber diese entsprechend der wöchentlichen Arbeitszeit reduzieren.

In der Teilzeitausbildung sehen die Projektpartner eine große Chance. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels werben sie mit dem Slogan „Volle Fachkraft durch Ausbildung in Teilzeit“. „Wir haben großes Potenzial“, erläutert Martina Musati, Geschäftsführerin im Jobcenter München. 5000 Münchnerinnen und Münchner zwischen 25 und 30 Jahren seien arbeitslos – viele mit Familie. 70 Prozent der Arbeitslosen hätten keine Berufsausbildung. Nach Einschätzung der IHK kommen allein in München 2000 junge Menschen für eine Teilzeit-Ausbildung infrage. Grund genug das Projekt auszuweiten – 2013 sollen 25 Ausbildungsplätze für Bürokaufleute und 25 für Einzelhandelskaufleute in Teilzeit besetzt werden. Eine Teilzeit-Ausbildung für Erzieher ist in Planung. „Grundsätzlich ist eine Teilzeit-Ausbildung aber in allen Berufen möglich“, betont Hubert Schöffmann.

Probleme bereiten allerdings Finanzierung und Kinderbetreuung. Oft ist das Arbeitslosengeld höher als die Vergütung bei einer Teilzeit-Ausbildung. Hier müsse es finanzielle Unterstützung – zum Beispiel in Form einer Durchhalteprämie – geben, findet Musati. Ein noch größeres Problem stellt oft die Kinderbetreuung dar. Sie muss gesichert und bezahlbar sein, sonst hat die Teilzeitausbildung keine Chance – vor allem bei Alleinerziehenden. Da sind sich alle Projektpartner einig.

Jacqueline Druschba ist verheiratet – doch da ist sie in ihrer Klasse eher die Ausnahme. „Viele sind alleinerziehend, sie haben es schwerer als ich“, sagt sie. Von den 24 jungen Eltern, die vor einem halben Jahr gemeinsam die Teilzeit-Ausbildung begonnen haben, sind noch 20 übrig. Für vier war die Belastung zu groß.

Manuela Dollinger

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