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Wenn kein Testament vorliegt, tritt die gesetzliche Erbfolge in Kraft. Das hat zur Folge, dass mitunter auch entfernte Verwandte miterben, was viele nicht wissen – und nicht wollen.

70 Prozent hinterlassen kein Testament

Was passiert nach dem Tod mit meinem Hab und Gut?

München - Knapp 70 Prozent der Deutschen haben kein Testament. Hier regelt der Staat den Nachlass. Wir erklären, was es mit der gesetzlichen Erbfolge auf sich hat.

Mit einem Testament den eigenen Nachlass regeln, dazu ist niemand gezwungen. Immer wenn es keinen persönlichen letzten Willen gibt, und das ist einer Umfrage des Deutschen Forums für Erbrecht zufolge bei knapp 70 Prozent der Erwachsenen der Fall, tritt die gesetzliche Erbfolge in Kraft. Darin ist geregelt wer erbberechtigt und wie hoch der jeweilige Anteil am Erbe ist.

Grundsätzlich gilt: Gibt es keinerlei Verwandtschaft mehr und hat der Verstorbene keinen Erben benannt, geht der Besitz an den Staat über. Das ist auch dann der Fall, wenn alle vom Nachlassgericht ermittelten oder im Testament bestimmten Erben die Erbschaft ausschlagen.

Erbfolge gilt nicht für Stiefkinder

Kinderlose Ehepaare sind oft der Meinung, dass der überlebende Ehepartner automatisch Alleinerbe wird. Doch dem ist nicht so. Auch Eltern, Geschwister, Neffen oder sogar die Großeltern des Verstorbenen erben mit, sofern sie noch leben. Darauf weist die Hamburger Rechtsanwältin Beate Backhaus in ihrem von der Stiftung Warentest herausgegebenen Ratgeber „Vererben und Erben“ hin. Der letzte Wille des Staates ist im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert und basiert auf der Idee, dass der Bürger an sich, sein Hab und Gut an die eigene Verwandtschaft weitergeben möchte.

Damit es bei der Aufteilung gerecht zugeht, unterteilt das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) die Erben in unterschiedliche Ordnungen, die den jeweiligen Verwandtschaftsgrad widerspiegeln. Bei einem weitverzweigten Stammbaum kann das recht kompliziert werden. Immer gilt dabei, dass nähere Verwandte entferntere ausschließen, wobei Nähe hier nichts mit Emotion zu tun hat.

Gesetzliche Erben erster Ordnung sind demnach die Abkömmlinge des Erblassers, also die Kinder des Verstorbenen – auch aus früheren Ehen –, die alle zu gleichen Teilen erben. Lebt aber eines der Kinder zum Zeitpunkt des Todes des Erblassers nicht mehr, rutschen automatisch dessen Abkömmlinge nach. Das können auch Enkel Erben erster Ordnung sein oder sogar Urenkel, wenn auch die Enkel bereits verstorben sind und deren Abkömmlinge wiederum nachrücken. Generell ausgenommen sind bei der gesetzlichen Erbfolge jedoch Stiefkinder.

Erben zweiter Ordnung kommen dann zum Zuge wenn keine Erben erster Ordnung vorhanden sind. Zu dieser zweiten Kategorie gehören die Eltern des Verstorbenen und deren Abkömmlinge. Das heißt, auch die Geschwister des Verstorbenen oder deren Kinder können nachrücken und damit erbberechtigt sein. Sind auch hier keine Erben vorhanden, sucht das Nachlassgericht nach der dritten Ordnung, die Großeltern. Die Urgroßeltern gehören dem BGB zufolge in die vierte Ordnung.

Auch Geschwister oftmals erbberechtigt

Bei dieser Einteilung taucht der überlebende Ehepartner nicht auf. Dennoch ist auch er erbberechtigt. Die ganze Erbschaft geht laut Gesetz auf den Ehepartner über, wenn weder Verwandte der ersten oder der zweiten Ordnung noch Großeltern vorhanden sind. Lediglich ein Viertel steht ihm als gesetzlicher Erbe zu, wenn die Verwandtschaft der ersten Ordnung erbt, die Hälfte bei der zweiten oder dritten Ordnung.

Ehepaar: Güterstand für Erbe entscheidend

Das allein ist schon komplex genug. Doch um die exakte Erbquote des überlebenden Ehepartners zu berechnen, spielt bei der gesetzlichen Erbfolge auch noch der Güterstand des Ehepaares eine Rolle. Die oben beschriebene Verteilung trifft bei einer Gütergemeinschaft zu. Bei einer Zugewinngemeinschaft – in dieser leben alle, die nichts anderes vereinbart haben – erhöht sich der Anteil des überlebenden Ehegatten in allen genannten Fällen um je ein Viertel.

Wurde aber eine Gütertrennung vereinbart, erbt er neben der zweiten oder dritten Ordnung ebenfalls die Hälfte. Erbt er in diesem Fall jedoch mit den Kindern des Verstorbenen (oder deren Abkömmlingen), dann gilt: der Nachlass wird zu gleichen Teilen vererbt. Bei einem Kind würde der Überlebende also nicht mehr nur ein Viertel, sondern die Hälfte bekommen, bei zwei Kindern ein Drittel. Als gesetzlicher Erbe steht dem überlebenden Ehepartner zudem ein sogenannter Voraus zu, ein Sonderrecht, das ihm erlaubt, unter anderem die Hochzeitsgeschenke zu behalten. „Das spielt in der Praxis jedoch kaum eine Rolle“, sagt die Münchner Rechtsanwältin Caroline Kistler.

Konflikte in der Erbengemeinschaft

Konflikte seien jedoch auch bei der gesetzlichen Erbfolge programmiert, da die Verwandten zusammen mit dem überlebenden Ehepartner eine Erbengemeinschaft bilden und da herrsche selten Einigkeit.

„Will nur eines der Kinder seinen Anteil ausbezahlt bekommen, kann es sein, dass etwa das Elternhaus verkauft werden muss, um die nötigen finanziellen Mittel zu bekommen“, sagt Kistler. Das kann für den Ehepartner, der das Haus noch bewohnt, bitter werden.

Stefanie Backs

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