Teuerung: Gefühl trotzt der Statistik

Die Preise explodieren, sagen die Verbraucher, alles bleibt im Maß, die Statistiker. Das ist der immerwährende Streit um die wahre Inflation. Doch allein die gefühlte Teuerung hat große Auswirkungen.

Der nüchterne Begriff Inflation - grundsätzlich einfach nur ein anderes Wort für Preisanstieg, egal wie hoch - lässt bei vielen Menschen sofort die Alarmglocken schrillen. Besonders bei den Älteren werden Erinnerungen an zwei Währungsreformen wach. Immer schwingt die Angst mit, das eigene Geld könnte plötzlich nichts mehr Wert sein.

Wenn nun die Preise im Einzelhandel steigen, die Rohstoffkosten auf den Weltmärkten explodieren, die Guthaben-Zinsen aber niedrig bleiben und auch das Lohnplus im Verhältnis dazu mager ausfällt, ist die Verunsicherung groß. Da hilft es wenig, wenn das Statistische Bundesamt mitteilt, dass die amtliche Teuerungsrate 2010 lediglich bei 1,1 Prozent lag. Und damit weit unter den von der Europäischen Zentralbank (EZB) als kritischen Schwellenwert markierten 2,0 Prozent.

„Gefühl und amtliche Statistik sind manchmal zwei unterschiedliche Paar Schuhe“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der Unicredit. So würden Preisänderungen von Gütern des täglichen Bedarfs das Teuerungsempfinden stärker beeinflussen als Waren, die seltener eingekauft werden. „Die vom Konto abgebuchte Wohnungsmiete fällt weniger auf als der Besuch beim Frisör“, beschreibt Rees.

Das bestätigt auch der aktuelle ARD-Deutschlandtrend, wonach 61 Prozent der Deutschen einen deutlichen Preisanstieg spüren im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Besonders bei Lebensmitteln hat die Mehrzahl diesen Eindruck (59 Prozent), gefolgt von Benzin und Öl (51 Prozent).

Das sei die Rückkehr der gefühlten Inflation, sagt Rees. Diese zu messen ist - schließlich handelt es sich um Gefühle und Eindrücke - schwer möglich. Rees meint aber einen Weg für eine Annäherungen gefunden zu haben. Er hat den Warenkorb der Statistiker alltagstauglicher gestaltet. Seit Jahren packt die Behörde bei ihren Berechnungen, die immer gleichen Waren in der immer gleichen Menge und der immer gleichen Gewichtung in ihren Korb.

Rees hat sich auf ein Drittel beschränkt mit Nahrungsmitteln, Getränken, Schuhen, Bekleidung, Kraftstoffen sowie Verbrauchsgütern. Betrachtet man nur diese Kategorien, so betrug die gefühlte Inflation im Dezember nicht 1,7 Prozent, wie die Statistiker errechnet hatten. Sondern sie war mit 3,25 Prozent fast doppelt so hoch. „Angesichts der überproportional steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreise dürfte die Diskrepanz zwischen beiden Maßen in den nächsten Monaten weiter steigen“, glaubt Rees. Der bisherige Höchstwert der gefühlten Inflation lag laut Unicredit bei 6,5 Prozent im Sommer 2008 (siehe Inflations-Grafik unten).

Das tückische bei der Inflation: Wer weniger verdient, spürt sie mehr. Bei Geringverdienern liege die Konsumquote „überproportional hoch“, erklärt Rees. Das heißt nicht, dass sie verschwenderisch mit ihrem Geld umgehen, sondern nur, dass ein normaler Einkauf im Supermarkt im Verhältnis gesehen ein größeres Loch in die Haushaltskasse reißt als bei einem Besserverdiener.

Rohstoffpreise

verunsichern

Geschürt werden die Inflationsängste derzeit hauptsächlich durch zwei Ursachen: der enorme Anstieg der Rohstoffpreise und die hohe Geldmenge im Markt als Folge der Krisenbewältigung, die in vielen Staaten zu einer ausufernden Staatsverschuldung führte.

Dennoch ein Hochschnellen der Verbraucherpreise auf breiter Front sieht der Inflationsexperte Hans Wolfgang Brachinger nicht. Zweistellige Raten seien bei Lebensmitteln auch schon längst Realität. „Das gilt etwa für Salat und Gurken. Und diese Entwicklung werden wir auch weiter beobachten können“, erläutert der Professor für Statistik an der Universität Fribourg in der Schweiz. „Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass mit steigender Inflationsrate bei häufig gekauften Gütern die Konsumnachfrage zurückgehen wird“, betont Brachinger. Je weiter die Schere zwischen amtlicher und gefühlter Inflation auseinanderklafft, desto gehemmter ist die Kaufbereitschaft.

So prophezeit Brachinger für die kommenden Monate vor allem Zurückhaltung bei größeren Anschaffungen. „Die Menschen werden sich ein Inflationspolster anlegen.“ Mit anderen Worten: Der moderne Flachbildfernseher bleibt vorerst im Geschäft, „dafür wird der gewohnte Lebensstandard in punkto Lebensmittel und Alltagsbedarf aufrechterhalten“.

Preiskampf dämpft die Teuerung

Für einen im Durchschnitt eher gedämpften Preisanstieg vor allem im Lebenmittelhandel (siehe Preis-Grafik unten) sorgt der enorme Konkurrenzkampf unter den Supermärkten, erklärt Thomas Els, Marktanalyst der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AIM). Auch wenn die Rohstoffkosten um bis zu 40 Prozent wie etwa bei Getreide steigen, bleiben die Nahrungsmittel im Verhältnis dazu relativ günstig.

von Stefanie Backs und Daniel Rademacher

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