Teufelskreis mit Rotstift-Preis: Handel leidet unter Rabattschlacht

- München - Wenn Helmut Linnenbrink aus seinem riesigen Bürofenster schaut, blickt er direkt auf Münchens Einkaufsmeile. Der Präsident des Handelsverbands LAG sieht Menschen mit neugierigen Augen dicht gedrängt zwischen Läden, Schaufenstern und Ständen - nur Kunden sieht er wenige. Das Drama des Weihnachtsgeschäfts 2003: Die Konsumenten kommen, aber sie kaufen nicht.

<P>Der frisch gewählte Präsident hat den Jammertonfall vieler Verbände noch nicht verinnerlicht, doch was er beschreibt, ist erschreckend genug. "Die Kunden sind gepolt auf diesen furchtbaren Geiz", sagt Linnenbrink unserer Zeitung. Der Handel reagiert auf abwartende Kunden mit Rabatten, auf Rabatte aber reagieren die Kunden abwartend - es könnte ja morgen noch höhere Nachlässe geben. Die Folge ist ein für viele Einzelhändler ruinöser Wettlauf nach unten, "ein Akt der Notwehr" angesichts der wohl voreilig gefüllten Lager. Der Weihnachtsumsatz wird heuer hinter dem des Vorjahres zurückbleiben - und das war schon eines der schlechtesten Ergebnisse seit dem Krieg.</P><P>"Der Kunde denkt sich:<BR>,Oh Gott, was müssen die<BR>Händler denn vorher ver-<BR>dient haben!"<BR>Helmut Linnenbrink zur Rabattschlacht</P><P>Der Hauptverband des deutschen Einzelhandels erwartet vom Berliner Steuerkompromiss noch ein Wunder fürs laufende Weihnachtsgeschäft. Linnenbrink, der große und mittlere Händler vertritt, hält zwar die Richtung für gut. Das Gezerre bis zur letzten Minute inklusive Rechenfehler verwässere aber das Ergebnis: "Die Masse der Kunden sieht noch keine Aufbruchstimmung." Am Geld mangele es nicht, glaubt Linnenbrink und denkt an die hohe Sparquote und Rekordausgaben am Oktoberfest. Den Konsumenten fehle Zuversicht zum Investieren. Rettung erwartet der 59-Jährige von einer großen Steuerreform 2004. Das könne die Kunden wieder zum Kaufen motivieren, glaubt er.</P><P>Bis dahin wird's hart für die Händler. Linnenbrink widerspricht dem Begriff "kollektiver Selbstmord" für die Rabattschlacht nicht. Ärger mit Mieterhöhungen ("Hausbesitzer machen durch drastische Erhöhungen mittelfristig ihre Straßen kaputt") und die Konkurrenz durch Einkaufszentren auf der grünen Wiese bereiten den Einzelhändlern zusätzlich Probleme. Die Nerven liegen blank. Immer mehr Geschäfte machen dicht oder werden geschluckt - wie der Elektro-Händler Fröschl.</P><P>Wenigstens 0,5 bis 1 % Wachstum im Handel erwartet Linnenbrink für 2004. Einiges davon entfällt auf Discounter und auf Branchenriesen wie die Metro AG mit den aggressiv werbenden Töchtern Media Markt ("Ich bin doch nicht blöd") und Saturn ("Geiz ist geil").</P><P>Der Rest der Branche steht vor der Herausforderung, den Kunden von Rabatten zu entwöhnen, um wieder profitabel zu werden. "Das wird dauern", sagt Linnenbrink. Die Betriebe müssten mehr mit Leistung und Qualität werben. Ohne kartellähnliche Absprachen, verspricht der ehemalige Bayern-Chef von C&A.</P><P>Die längeren Öffnungszeiten haben sich bewährt. Die Samstagnachmittage werden dankend angenommen, sie haben allerdings kein zusätzliches Geschäft generiert, sagt der Verband. "Es kann doch für einen Dienstleister nicht möglich sein, Kunden aus den Läden schmeißen zu müssen", weil die gesetzliche Öffnungszeit erreicht ist, staunt Linnenbrink über die Praxis der vergangenen Jahre: "Jetzt sind wir zufrieden." Von ihm gibt es auch keine weitere Forderung nach Sonntagsöffnung: "Ein Tag Ruhe ist ein Kulturgut. Darüber gibt es gesellschaftlichen Konsens."<BR></P>

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