Medikamentenhandel

Teurer Schwindel mit gefälschter Arznei

München -  Es ist eine imposante Zahl: Mehr als 4500 Verdachtsfälle von Fehlverhalten im Gesundheitswesen haben die Experten der AOK Bayern in den Jahren 2012 und 2013 nach eigenen Angaben aufgedeckt.

Ein Schwerpunkt der Ermittlungen habe erneut bei illegal importierten Krebsmedikamenten gelegen, teilte die Krankenkasse mit. Mit aufwändigen Ermittlungen habe die AOK nachweisen können, „dass in Deutschland nicht zugelassene billige Importpräparate an Patienten abgegeben und mit der AOK gesetzes- und vertragswidrig als teure deutsche Originalpräparate abgerechnet wurden“. Bisher belaufe sich der Schaden auf etwa vier Millionen Euro.

Offen ließ die AOK, ob die Medikamente auch gesundheitsschädigend waren. Doch dies ist bei illegalen Importen nicht selten der Fall. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass im großen Stil illegal Medikamente aus Italien nach Deutschland eingeführt worden sein sollen. Nach Angaben des Bundeskriminalamts handelt es sich unter anderem um den Krebswirkstoff Herceptin. Die Behörden haben bislang sechs weit verbreitete Präparate zur Behandlung von Krebs und Rheuma von Krankenhäusern und Apothekern zurückgerufen.

Auch ein Hersteller im Großraum München soll nach Informationen unserer Zeitung indirekt betroffen sein. Die Regierung von Oberbayern wurde nach eigenen Angaben über einen Fälschungsverdacht zu Herceptin informiert, der von einem Unternehmen aus Sachsen-Anhalt geäußert worden war, so ein Sprecher der Behörde auf Anfrage: „Diese Firma war Lohnhersteller für ein oberbayerisches Unternehmen.“ Die Untersuchungen laufen derzeit noch. „Nach unserem Kenntnisstand sind keine gefälschten Arzneimittel durch Unternehmen im Zuständigkeitsbereich der Regierung von Oberbayern in den Verkehr gebracht worden.“ Ob gestohlene Arzneimittel in den Handel gelangt sind, sei noch ungeklärt.

Von den dem BKA bekannt gewordenen Fälschungen könnten bis zu 60 Wirkstoffe betroffen sein – so etwa die Krebswirkstoffe Remicade und Alimta. Teilweise soll der teure Inhaltsstoff gegen handelsübliches Antibiotika ausgetauscht oder stark verdünnt worden sein.

Gefälschte Pharmazeutika werden zunehmend zum Problem für viele Kranke. Ende 2013 berichtete die ARD, dass weltweit bereits bis zu einem Viertel aller Medikamente gefälscht sein sollen. In manchen Entwicklungsländern hat sich eine regelrechte Plagiatsindustrie etabliert.

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Doch auch in Deutschland gibt es immer wieder Ärger um gefälschte Pharmaprodukte, wenngleich die Dimension der seitens der zuständigen Behörden aufgedeckten Betrugsfälle im internationalen Vergleich gering ist.

So tauchten hierzulande Ende vergangenen Jahres gefälschte Packungen das Medikaments Pegasys auf. Die Fertigspritzen mit einer ausgefeilten Wirkstoffkombination sind für Millionen Menschen in Europa, die an Hepatitis erkrankt sind, lebenswichtig. Das Regierungspräsidium Tübingen warnte damals vorsichtshalber gleich vor mehreren Chargen des Produkts.

Wenige Wochen zuvor hatte bereits ein anderer Reimporteur eines Krebsmedikaments Fälschungen in seinen Lieferungen entdeckt. Die beanstandete Ware stammte von einem rumänischen Großhändler.

Ein Sprecher des Bayerischen Apothekerverbandes spricht von „Einzelfällen“. Wie hoch die Dunkelziffer von Betrügereien mit Medikamenten ist, die nicht entdeckt werden, kann kein Branchenexperte seriös sagen. 2013 hat der deutsche Zoll laut Bundesgesundheitsministerium gefälschte Medikamente im Wert vom mehr als einer Million Euro aus dem Verkehr gezogen. Vor allem im wachsenden Online-Handel tummeln sich viele Betrüger.

Tobias Lill

Rubriklistenbild: © dpa

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