Teures Öl: Wer in Deutschland vom Preishoch profitiert

- München - Die Autofahrer sind sauer und an der Börse zeigen die Kurse nach unten - denn der Ölpreis steigt und steigt. Doch mit einem ökonomischen Schock wie in den 70er-Jahren rechnen Konjunkturexperten trotz des Rekordpreises für Rohöl derzeit nicht. Viele Exportunternehmen profitieren davon, dass die Ölförderländer mehr Geld in den Kassen haben und kräftig investieren.

Der Ölpreis ist auf einen historischen Höchststand geklettert - und ein Ende der Rekordjagd ist nach Einschätzung von Fachleuten bis auf weiteres nicht in Sicht. Der Preis für ein Barrel amerikanisches Leichtöl erreichte gestern im Handelsverlauf 70,88 Dollar.

Nach Einschätzung des Ifo-Konjunkturexperten Gernot Nerb wirkt sich der hohe Ölpreis in Deutschland auf zwiespältige Weise aus. "Wenn der Preis steigt, profitiert in Deutschland die Investitionsgüterbranche", weil die Förderländer mehr Investitionsgüter nachfragten. Dies komme Branchen wie Maschinenbau und Elektroindustrie zugute. Auf der anderen Seite hätten Ölkonsumenten wie etwa die Aluminiumindustrie Probleme mit dem hohen Preis.

"Für die Binnennachfrage sind steigende Energiepreise auf jeden Fall schädlich", meint Nerb. Was den Verbrauchern durch hohe Ölpreise weggenommen werde, fehle anderswo beim Konsum. "Hohe Rohöl- und Spritpreise sind nicht gut für den Einzelhandel", fasst der Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr, die Sorgen der Branche zusammen. Vor allem die Geschäfte vor den Toren der Städte dürften die Folgen zu spüren bekommen. Die Verbraucher ließen das Auto häufiger stehen und nähmen seltener weite Wege in Kauf.

Als eine Belastung für die Luftverkehrsbranche bezeichnet eine Lufthansa-Sprecherin die hohen Rohölpreise, eine Erhöhung der Treibstoffzuschläge sei derzeit bei Deutschlands größter Airline aber nicht geplant. "Wir beobachten die aktuelle Situation", sagt sie.

Für die chemische Industrie, deren wichtigster Rohstoff das Öl ist, bedeutet die Preissteigerung vor allem hohe Kostenbelastungen, wenn diese nicht an die Kunden weitergegeben werden können. Allein im vergangenen Jahr musste die Branche nach Angaben des Verbandes der Chemischen Industrie zusätzliche Kosten von rund 1,9 Milliarden Dollar verkraften. Kaufkraftverluste bei den Verbrauchern könnten zudem negative Auswirkungen auf die konsumgüternahen Sparten der Branche haben.

Viele deutsche Maschinenbauer verzeichnen dagegen hohe Wachstumsraten in Ölförderländern wie zum Beispiel Russland und den Opec-Staaten. Dennoch warnt Volkswirt Olaf Wortmann vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau davor, die Folgen des Ölpreisanstiegs zu unterschätzen, nämlich Inflationsgefahren und steigende Kosten für die Industrie. "Allerdings sind die Folgen nicht mehr so dramatisch wie früher, weil die Abhängigkeit vom Öl gesunken ist."

Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung betonte, dass der hohe Ölpreis bisher das robuste Wachstum der Weltwirtschaft nicht gedämpft habe. Unter dem Strich sei der hohe Ölpreis ein Nullsummenspiel. "Die Verluste der einen Länder sind die Gewinne der anderen Länder", sagt der Experte und ergänzt: "Die Petrodollars, die wir zahlen, kommen durch Exportaufträge und Beteiligungen zurück." Die Golfstaaten würden die Weichen für die Zeit nach dem Ölboom stellen und in die Infrastruktur investieren. Profitieren würden davon unter anderem der Kraftwerksbau, die Investitionsgüterindustrie, aber auch die Produzenten von Luxusgütern.

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