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„Beobachter guter und sauberer Geschäfte“: So sieht sich Theo Waigel in seiner Funktion bei Siemens.

„Las Vegas – das geht auf keinen Fall“

München - „Las Vegas – das geht auf keinen Fall“  - Theo Waigel spricht im Interview über seine Tätigkeit als „Compliance Monitor“ bei Siemens und Angebote, die man nicht annehmen kann.

München – Gerade eben hatte Theo Waigel noch eine Sitzung mit dem Siemens-Vorstand. Nun nimmt er am gläsernen Besprechungstisch in seinem Büro in der Zentrale des Weltkonzerns Platz. Dort arbeitet der frühere Bundesfinanzminister und promovierte Jurist seit Jahresbeginn als „Compliance Monitor“. Für die US-Börsenaufsicht SEC und das amerikanische Justizministerium beobachtet er, welche Konsequenzen Siemens aus seiner Korruptionsaffäre zieht und wie der Konzern eine saubere Unternehmensführung („Compliance“) gewährleistet. Das war eine der Auflagen, die ermöglichten, dass der in den USA börsennotierte Konzern dort nach Aufdeckung seiner Bestechungsaffäre mit einer vergleichsweise glimpflichen Strafe von 800 Millionen Dollar (rund 560 Millionen Euro) davonkam.

Nie zuvor ist ein Nicht-Amerikaner mit einer solchen Aufgabe betraut worden. Doch dem Schwaben Waigel, der seine berufliche Laufbahn bei jener Münchner Staatsanwaltschaft begonnen hatte, die später den Siemens-Korruptionsskandal aufdeckte, dem vertrauen die Amerikaner. Hinter seinem Schreibtisch bei Siemens dokumentieren Fotos mit handschriftlicher Widmung die Kontakte zu den Mächtigen der Welt: Der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, ist darauf zu sehen, der einstige Sowjet-Präsident und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow oder auch die ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und Bill Clinton.

In seiner Aufgabe als Beobachter sei er unabhängig von Siemens ebenso wie von den US-Behörden, betont Waigel. „Mit 70 Jahren begibt man sich nicht mehr in eine Knechtschaft“, sagt er, lacht und beginnt ein offenes Gespräch über den Weltkonzern Siemens, Einladungen zu den Olympischen Spielen und Geschäftserfolg mit sauberen Methoden.

Herr Dr. Waigel, Sie haben vor Ihrem Amtsantritt gesagt: „Der Job wird Spaß machen.“ Hatten Sie Recht?

Theo Waigel: Ja. Weil es eine unglaublich interessante Aufgabe ist. Siemens ist in der Welt stärker vertreten als das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland. In rund 190 Ländern, das ist sensationell. Ich lerne hier nicht nur eine Firma kennen, sondern vor allem, wie die Firma aus Fehlern gelernt hat. Sie hat ein Compliance-Programm aufgelegt, das vorbildlich ist. Und mit dem Leitsatz von Siemens-Chef Peter Löscher „Nur sauberes Geschäft ist Siemens-Geschäft“ kann man überall in der Welt bestehen.

Sie schildern das mit großer Begeisterung. Sehen Sie sich als Teil von Siemens?

Theo Waigel:Ich bin einmal von der US-Börsenaufsicht gefragt worden, ob ich mich als Botschafter von Siemens verstehe. Natürlich tue ich das nicht. Aber ich bin Botschafter der Compliance von Siemens. Meine Aufgabe ist es zu prüfen, ob diese Compliance wirklich gelebt und überall durchgesetzt wird und ob sie nachhaltig ist.

Sie haben sicher schon viele Übersetzungen für den Begriff „Compliance Monitor“ gelesen. Welche ist aus Ihrer Sicht richtig?

Theo Waigel:„Beobachter guter und sauberer Geschäfte“ – das trifft es ungefähr.

Was stand in den ersten Monaten Ihrer Tätigkeit auf dem Programm?

Ich musste natürlich alle wichtigen Standorte kennenlernen, in Deutschland, Österreich, Russland, Brasilien, China. Dazwischen habe ich noch zwei arabische Staaten besucht. Mein Team wird in Indien unterwegs sein, in Mexiko, in Argentinien und weiteren Ländern. Das tun wir, um im September an die SEC und das Justizministerium einen ersten, substantiierten Bericht abgeben zu können.

Worauf haben Sie besonders geachtet?

Theo Waigel:Ich wollte zunächst wissen, ob überall im Konzern von den Führungskräften die richtige Botschaft ausgeht. Außerdem schauen wir uns die Geschäftsprozesse an: Wie funktionieren die Rechnungssysteme? Ist Missbrauch denkbar? Ist es möglich, dass schwarze Kassen gebildet werden? Wie gehen die Menschen zum Beispiel mit Essenseinladungen um?

Theo Waigel:Das kommt darauf an. Wenn der Bürgermeister einer Stadt wünschen würde, zu einem opulenten Mittagessen eingeladen zu werden oder wenn jemand im Anschluss an die Besichtigung eines medizinischen Geräts den Wunsch äußert, noch ein Vergnügungszentrum zu besuchen – Las Vegas zum Beispiel – das geht auf gar keinen Fall. Aber da haben sich die Dinge auch schon total geändert. Es gibt eine Reihe von Ländern, in denen gegenseitige Essenseinladungen kaum noch stattfinden.

Welche Länder sind das?

Theo Waigel:Solche Einladungen gehen in allen Ländern zurück. Auch Einladungen zu Olympischen Spielen, Fußball-Weltmeisterschaften werden erheblich restriktiver gehandhabt.

Beobachten Sie ausschließlich oder greifen Sie auch ein, wenn Sie Missstände entdecken?

Theo Waigel:Ich sammle keine geheimen Informationen, um sie dann plötzlich alle mit einem Mal auf den Tisch zu legen. Wenn ich einen Missstand entdecke, muss er so schnell wie möglich behoben werden. Das erfährt Siemens dann sofort von mir. Ich bin da völlig transparent. Aber ich würde es Siemens nicht ersparen, einen solchen Vorfall auch in meinem Bericht an die US-Behörden darzustellen.

Haben Sie schon einmal eingegriffen?

Theo Waigel:Es wird nie eine Zeit geben, in der eine Firma mit mehr als 400 000 Beschäftigten ohne jeden Vorfall ist. Aber ich habe den Eindruck, dass Siemens solche Fälle konsequent handhabt. Die Stellen, an denen ich noch Verbesserungsmöglichkeiten sehe, werde ich zunächst gegenüber Siemens und dann in meinem Bericht darstellen.

Wie begegnet man Ihnen eigentlich auf dem Flur bei Siemens? Schauen die meisten Mitarbeiter lieber weg?

Ich habe gehört, dass die Ernennung eines Monitors, der erstmals in der Geschichte der SEC nicht ein amerikanischer Anwalt ist, in allen Bereichen von Siemens auf Zustimmung gestoßen ist. Das spüre ich auch, wenn ich mit Arbeitnehmern, Betriebsrat oder Leitenden Angestellten spreche.

Man sieht Sie also nicht als den Spion der SEC?

Theo Waigel:Misstrauen und auch Abwehrreaktionen hatte es in der Vergangenheit sicher bei Einzelnen gegeben. Aber wir haben von vornherein klar gemacht, dass unsere Arbeitsweise eine andere ist. Wir versuchen zum Beispiel, mit den Menschen in ihrer Muttersprache zu reden. Sie bekommen von uns anschließend ein Memorandum über das Gespräch, das sie korrigieren können, wenn sie glauben, nicht richtig zitiert oder verstanden worden zu sein. Das hat einiges weggenommen von einer möglichen Reserviertheit.

Man könnte Ihnen vorwerfen, Sie seien eine Bürde für Siemens, weil andere Unternehmen nicht so genau unter Beobachtung stehen.

Theo Waigel:Siemens hätte ohne Bestellung eines Monitors keine Einigung mit den US-Behörden erreicht. Und diese Einigung war ein großer Vorteil für Siemens. Die Geldbußen waren erheblich geringer als von Beobachtern erwartet. Insofern ist alles, was Siemens für Compliance aufwendet, eine gute Investition. Mein Ziel ist, für eine optimale Compliance bei Siemens zu sorgen, aber auch für einen fairen weltweiten Wettbewerb. Davon profitieren alle Firmen, auch Siemens.

Aber in einigen Regionen kann man mit blitzsauberen Methoden kein Geschäft machen, heißt es.

Theo Waigel:Diese Meinung taucht immer wieder auf. Mich beeindruckt es, wenn Herr Löscher darauf hinweist, dass sich Umsätze und Auftragseingänge bei Siemens in den letzten Jahren insgesamt sehr gut entwickelt haben trotz strikter Compliance-Regeln.

Ihre Amtszeit ist auf vier Jahre ausgelegt. Werden Sie diese Zeit benötigen?

Theo Waigel:Die Mindestzeit sind drei Jahre. Dann hängt es von den zuständigen Stellen ab. Ich denke schon, dass man es in dieser Zeit erfolgreich beenden kann.

Interview: Dominik Müller

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