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Tourismus auf Mallorca boomt

Warum Kunden nun draufzahlen

„Das ist ein weiterer Skandal“: „Thomas Cook“-Kunden in bizarrer Lage

  • Sebastian Hölzle
    vonSebastian Hölzle
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  • Wolfgang Mulke
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Wer eine Pauschalreise bucht, bekommt einen Sicherungsschein zugesandt. Damit glaubt der Kunde, im Fall einer Pleite des Reiseveranstalters geschützt zu sein. Doch der Schutz ist löchrig, wie sich im Fall Thomas Cook zeigt.

München – Die Reise ist bezahlt, plötzlich geht der Veranstalter pleite: Zehntausende Reisende der deutschen Thomas-Cook-Tochter sind im Moment genau von diesem Fall betroffen. Das Geld ist überwiesen, der Urlaub ging aber noch gar nicht los. Eigentlich soll nun der Sicherungsschein, den es für jede Pauschalreise gibt, die Kunden vor einem finanziellen Schaden schützen.

Der Haken dabei: Der Versicherer des Reiseveranstalters haftet im Falle einer Pleite nur bis zu einer Obergrenze von 110 Millionen Euro. Im Fall von Thomas Cook ist das die Zurich Deutschland. Jetzt geht der Versicherer aber davon aus, dass die Haftungsschäden die 110 Millionen Euro deutlich überschreiten werden. „Sie können davon ausgehen, dass dies bei Weitem nicht reicht“, sagte Zurich-Sprecher Bernd Engelien.

Thomas-Cook-Pleite: Wieviel Geld dürfen die Kunden erwarten?

Für betroffene Thomas-Cook-Kunden hätte das fatale Folgen: Dann erhielten sie nur einen anteiligen Schadenersatz, also nur einen Teil des für die Reise bereits bezahlten Geldes zurück. Sollten die Forderungen gegenüber der Versicherung beispielsweise mit 220 Millionen Euro doppelt so hoch sein, gäbe es für jeden Kunden nur die Hälfte seiner geleisteten Anzahlung zurück.

„Das ist ein gesetzlich geregeltes Verfahren“, sagte uns ein Sprecher des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Geregelt sei dies in Paragraf 651r des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Demnach darf der Reiseversicherer die zu erstattenden Beträge auf 110 Millionen Euro begrenzen. „Das steht auf dem Sicherungsschein auch so drauf“, sagte der GDV-Sprecher.

Thomas-Cook-Pleite: Bitterer Schock für Betroffene

Besonders bitter für Betroffene: Diese Obergrenze von 110 Millionen Euro gilt für den Versicherer – und nicht etwa für jedes einzelne Unternehmen des Thomas-Cook-Konzerns. Schlimmer noch: Die maximale Haftungssumme von 110 Millionen Euro gilt nicht nur für die Reisemarken von Thomas Cook, sondern für sämtliche Reiseveranstalter. Konkret heißt das: Sollte bis 31. Oktober – dann endet das Geschäftsjahr der Reisebranche – ein weiterer Zurich-Kunde pleitegehen, wird sich der Topf weiter leeren. „Das ist ein weiterer Skandal“, sagte Felix Methmann vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).

Den eigentlichen Skandal sieht er darin, dass die gesetzliche Deckelung von 110 Millionen Euro seit Jahrzehnten unverändert im Gesetz steht und von der Bundesregierung nie geändert wurde.

Bereits Anfang der 90er Jahre lag die Insolvenzhaftung laut Bundesjustizministerium bei 200 Millionen Mark – was grob gerundet der heutigen Summe entspricht. Ein Sprecher von Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) begründete dies gegenüber unserer Zeitung damit, dass vor der Sommerpause 2017 zwar das deutsche Reiserecht an eine neue EU-Richtlinie angepasst worden sei, da aber im Herbst 2017 Bundestagswahlen anstanden, habe man in der Kürze der Zeit die Obergrenze von 110 Millionen Euro nicht geändert.

Thomas Cook: Deckelung der gesetzlichen Haftung - Experte kritisiert Bundesregierung

Reise-Experte Methmann sagte dagegen, dass die Verbraucherzentralen bereits 2017 eine Deckelung von 250 Millionen Euro gefordert hätten, die Bundesregierung aber dem Druck der Reiselobby nachgegeben habe, da sich sonst deren Policen drastisch verteuert hätten.

Tatsächlich schreibt die Bundesregierung im Gesetzesentwurf aus dem Jahr 2017 (Drucksache 18/10822): „Die derzeitige Obergrenze von 110 Mio. Euro ist nach wie vor ausreichend bemessen.“ Der höchste Insolvenzschaden seit 1994 habe bei 30 Millionen Euro gelegen. Dies belege die Richtigkeit der Annahme des Gesetzgebers, „dass eine Sicherungslücke zwar theoretisch, nicht aber faktisch besteht“. Ein fataler Irrtum.

„Für Betroffene muss dieser Satz wie Hohn klingen“, sagte Verbraucherschützer Methmann, der den Abgeordneten im zuständigen Bundestagsausschuss im Jahr 2017 Rede und Antwort stand.

Was betroffene Urlauber zudem ärgern dürfte: Das Justizministerium arbeitet gerade daran, die Insolvenzsicherung im deutschen Reiserecht neu zu regeln. „Diskutiert wird zum Beispiel, die Haftung an den Umsatz des Reisekonzerns zu koppeln“, sagte der Ministeriumssprecher.

Thomas Cook: Können Urlauber hoffen?

Eine solche Regel hätte Thomas-Cook-Urlauber womöglich gerettet, jetzt kommt sie aber zu spät. Die einzige Hoffnung: Der Steuerzahler springt ein. „Der Staat muss haften“, sagte vzbv-Rechtsexperte Methmann. Denn die EU-Richtlinie schreibe wörtlich einen „wirksamen Schutz“ der Urlauber vor Insolvenz vor – dies sei in der aktuellen deutschen Gesetzesfassung aber nicht gegeben. Methmann empfiehlt Betroffenen daher, gegen den Staat zu klagen.

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