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Die Deutschen werden älter und es gibt immer weniger Junge. Den Arbeitsmarkt stellt das vor eien gewaltige Herausforderung.

"Da tickt eine Zeitbombe"

München - Unser Land altert. Das bedeutet enorme Herausforderungen für den Arbeitsmarkt. In dieser Serie erfahren Sie, wie auf diese Probleme reagiert wird. In Teil I steht ein Arbeitsmarkt-Experte Rede und Antwort.

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie: Zu alt, zu teuer, überqualifiziert

Lesen Sie hier den dritten Teil:

"Schlechte Arbeit macht alt"

Unser Land altert – heuer gehen zum ersten Mal mehr Menschen in Rente, als Jugendliche in den Beruf starten. Das stellt den Arbeitsmarkt vor besondere Herausforderungen. In unserer Serie zeigen wir, welche Probleme auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer zukommen, welche Chancen sich bieten, wie sich die Beteiligten zurechtfinden, was es mit dem Fachkräftemangel auf sich hat und wie sich Schulen und Unternehmen wappnen. Über die Gesamt- Situation sprachen wir mit Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

Münchner Merkur: Der Arbeitsmarkt steht aufgrund der demografischen Entwicklung vor einem radikalen Wandel. Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?

Joachim Möller: Im Moment kämpfen wir auf dem Arbeitsmarkt noch mit den Folgen der schweren Wirtschaftskrise. In den nächsten Jahren droht uns aber ein gewaltiger Fachkräftemangel. Gewinner sind auf jeden Fall die Hochqualifizierten – und zwar diejenigen Berufe, die nicht ins Ausland verlagert werden können. Zu den Verlierern zählen dagegen die Geringqualifizierten.

Auch Dienstleistungs- Jobs kann man nicht einfach ins Ausland verlegen. Gehören sie auch zu den Gewinnern?

Vorsicht. Viele Dienstleistungen lassen sich hervorragend ins Ausland verlagern – etwa Abrechnungsstellen oder die Software-Entwicklung.

Wann wird der Fachkräftemangel zur Gefahr?

Das lässt sich nicht exakt vorhersagen. Der demografische Wandel hat inzwischen auch die alte Bundesrepublik erreicht. Zunächst war vor allem Ostdeutschland durch den Wegzug der Jüngeren betroffen. Viele gut qualifizierte Facharbeiter gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Gleichzeitig kommen immer weniger junge Kräfte nach. Selbst wenn wir – rein theoretisch – alle nachrückenden jungen Leute gut qualifizieren würden, reicht das nicht aus, um die in den Ruhestand gehenden Fachkräfte zu ersetzen.

Das klingt dramatisch. Welche Branchen sind am stärksten betroffen?

Der Fachkräftemangel droht vor allem exportorientierten Branchen wie Maschinenbau oder Autoindustrie. Sie haben zwar in der Krise ein Polster an Spezialisten gebildet. Wenn die Konjunktur anzieht, können aber bald Fachkräfte fehlen.

Wie groß ist der wirtschaftliche Schaden durch den Fachkräftemangel?

Da gibt es keine belastbaren Zahlen. 

Mancher spricht von Milliarden-Kosten.

Joachim Möller: Das sind Bierdeckelrechnungen. Der Arbeitsmarkt ist ein flexibles System: Wenn an einer Stelle besonders viele Kräfte benötigt werden, dann entsteht ein Sog-Effekt. Das heißt: Spezialisten werden angelockt, sie hinterlassen aber wieder Lücken und so weiter. Der Fachkräftemangel zeigt sich zunächst daran, dass offene Stellen nicht mehr so schnell besetzt werden können. Dass sich überhaupt niemand findet, ist noch die Ausnahme.

Trotz Fachkräftemangels: Kaum jemand arbeitet bis 65. Gefährlicher Jugendwahn der Betriebe?

Viele Unternehmen haben sich in den letzten Jahren – und das oft im Einverständnis mit den Gewerkschaften – von älteren Mitarbeitern getrennt. Dieser Trend ist zum Glück gestoppt. Ich sage zum Glück, weil wir uns dies angesichts der demografischen Entwicklung nicht mehr leisten können.

Wie sieht es bei unseren Nachbarn aus?

In Skandinavien ist die Beschäftigungsquote bei den Älteren deutlich höher. Norwegen und Schweden erreichen eine Quote von bis zu 75 Prozent. Deutschland liegt bei 57 Prozent – und damit im EUDurchschnitt. Es gibt aber auch Länder wie Polen und Frankreich, in denen die Quote noch niedriger ist.

Wie lässt sich dies ändern?

Das geht nur im Zusammenspiel von Betrieben, Gewerkschaften und den Kammern. 

Die Gewerkschaften zitieren gern das Beispiel des 63-jährigen Dachdeckers, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann.

Das ist ein Sonderfall. In einem Zwei-Mann-Betrieb kann man den 63-Jährigen natürlich nicht einfach an den Schreibtisch setzen. Deshalb plädiere ich für eine betriebsübergreifende Lösung.

Wer mit über 50 Jahren gekündigt wird, hatwähkaum eine Chance. Wie lässt sich der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt verbessern?

Wer seinen Job verliert, muss möglichst schnell wieder vermittelt werden. Sonst gehen die Qualifikationen verloren. Es war daher ein Fehler, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für Ältere wieder zu verlängern. Das wirkt wie süßes Gift. 

Die meisten älteren Arbeitslosen würden sofort jeden Job annehmen.

Es ist natürlich auch ein Umdenken bei den Unternehmen nötig. Studien zeigen: Die Produktivität von Älteren ist keinesfalls geringer als bei Jüngeren. Gerade in den Bereichen Zuverlässigkeit und Qualitätsbewusstsein stechen die Älteren die Jüngeren aus. 

Wird es für Ältere künftig schwieriger oder einfacher, eine Arbeit zu finden?

Ich bin mir sicher: Die Chancen für Ältere auf dem Arbeitsmarkt steigen in den nächsten Jahren. 

Rot-Grün hat den Arbeitsmarkt flexibilisiert. Inzwischen verdrängen Leiharbeiter reguläre Jobs – muss die Regierung gegensteuern?

Die Leiharbeit hat durchaus Sinn, um Auftragsspitzen aufzufangen. Wenn ganze Belegschaften ausgegliedert werden, dann ist dies eindeutig Missbrauch. Hier müsste die Regierung gegensteuern.

Nicht nur die Zahl der Leiharbeiter steigt. Der gesamte Niedriglohnsektor wächst. Die Unternehmen sehen dies als Fortschritt, die Gewerkschaften protestieren. Wer hat Recht?

Wir beobachten teils eine gefährliche Abwärtsspirale. Das heißt: Der Arbeitgeber, der niedrige Löhne zahlt, verdrängt den Arbeitgeber, der seinen Beschäftigten bessere Konditionen bietet.

Die Gewerkschaften fordern daher einen bundesweiten Mindestlohn. Auch für Sie eine Lösung?

Ich plädiere für einen Mindestlohn mit Augenmaß. Mein Vorbild ist die sogenannte Low Pay Commission in Großbritannien. In dem Gremium sitzen Vertreter der Arbeitgeber, der Gewerkschaft und der Wissenschaft. Die Mitglieder können während ihrer Amtszeit nicht abberufen werden. Sie haben kein imperatives Mandat – sie sind also unabhängig.

Wie hoch ist der Mindestlohn in Großbritannien?

Derzeit liegt er bei weniger als sieben Euro. Dies wäre auch für Deutschland unproblematisch. Übrigens kommt die Kommission in Großbritannien erstaunlicherweise immer zu einem einstimmigen Votum.

In der Krise wächst die Unsicherheit bei den Beschäftigten. Viele haben das Gefühl, dass es einen sicheren Arbeitsplatz wie in den 70er- und 80er-Jahren nicht mehr gibt. Richtig oder falsch?

Der Eindruck ist nur zum Teil richtig. Bei den Neueinstellungen ist zwar jeder zweite Vertrag zunächst befristet. Insgesamt arbeiten aber 40 Prozent aller Beschäftigten zehn Jahre oder länger beim gleichen Arbeitgeber. Im EU-Vergleich ist dies ein hoher Anteil.

Stichwort Lehrstellen: Die Unternehmen klagen über mangelnde Ausbildungsreife. Sind die Anforderungen der Unternehmen so stark gestiegen oder bilden die Schulen immer schlechter aus?

Die Anforderungen sind sicherlich gestiegen. Der frühere Kfz-Mechaniker ist heute quasi auch ein Elektroniker. Auf der anderen Seite sehe ich die teils katastrophalen Pisa-Ergebnisse: 20 Prozent der Jugendlichen verfügen über Mathematik- und Sprachkenntnisse auf Grundschulniveau. In einigen Regionen verlässt jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Das können wir uns auf Dauer nicht leisten. Da tickt eine Zeitbombe.

Also sind die Schulen stärker gefordert?

Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Hinter den Schulen stehen schließlich Elternhäuser.

Interview: Steffen Habit

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