Top-Manager im Aufsichtsrat - Unter freundlicher Kontrolle der Kollegen

München - Bundespräsident Horst Köhler hat diejenigen benannt, die Auswüchsen bei Managergehältern Einhalt gebieten sollten: Aufsichtsräte und Aktionäre. Doch deren Kontrolle über die Unternehmen funktioniert nicht, beklagen Anlegerschützer.

"Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen", heißt es im deutschen Aktiengesetz. Das Kontrollgremium befindet über besonders wichtige Geschäfte, über die Berufung von Vorständen und deren Gehälter. Doch die Überwachung fällt in der Praxis oft milde aus, kritisiert Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK): "Viele Aufsichtsräte sind selbst Vorstände anderer Unternehmen. Freunde und Kollegen üben aber keine Kontrolle im Sinn der Aktionäre aus." So sitzt Allianz-Chef Michael Diekmann zum Beispiel bei Linde im Aufsichtsrat, Linde-Chef Wolfgang Reitzle wiederum bei der Deutschen Telekom und deren Vorstand Karl-Gerhard Eick bei der Deutschen Bank.

Sie alle haben ein gemeinsames Interesse: Steigt das allgemeine Gehaltsniveau unter den Top-Managern, haben sie selbst bessere Karten, mehr Geld zu verdienen. Bender kritisiert eine "Cliquenwirtschaft" unter den großen börsennotierten Unternehmen in Deutschland. "Die Deutschland AG lebt", sagt SDK-Sprecher Lothar Gries.

Bei Siemens erhielt Ex-Chef Klaus Kleinfeld zu seinem Abschied im Sommer 5,75 Millionen Euro, obwohl sein Vertrag regulär ausgelaufen war. Laut Geschäftsordnung ist - wie in vielen Unternehmen - das Präsidium des Aufsichtsrats für die Vergütung der Vorstände zuständig. Dieses bilden Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der zu den bestverdienenden Führungskräften der deutschen Wirtschaft zählt, und der ehemalige Thyssen-Krupp-Chef Gerhard Cromme.

Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz glaubt, dass Top-Manager ein anderes Verhältnis zu Geld haben: "Wenn sie selbst drei oder vier Millionen verdient haben, finden sie solche Summen nicht dramatisch." Deshalb seien solche Aufsichtsräte womöglich eher geneigt, viel Geld zu bezahlen, um ihren Wunschkandidaten als Vorstand zu engagieren. Dazu kommt: "Es ist nicht ihr Geld, das sie ausgeben."

SDK-Sprecher Gries hält es deshalb für sinnvoll, die Aktionäre auf der Hauptversammlung über die Bezüge der Manager abstimmen zu lassen. In Großbritannien sei das üblich. Zwar sei der Aufsichtsrat nicht an das Votum gebunden, aber es diene als Signal dafür, ob die Bezüge in einem vernünftigen Verhältnis zur Leistung stünden.

Gemäß der Mitbestimmung in Deutschland steht bei Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten die Hälfte der Aufsichtsratssitze den Arbeitnehmern zu. So sollen die Interessen der Beschäftigten gewahrt werden. Und das würdigt auch mancher Manager. Linde-Chef Reitzle lobte heuer bei der Bilanzpressekonferenz seines Konzerns: "Die Arbeitnehmervertreter helfen uns enorm. Die konstruktive Begleitung im Aufsichtsrat ist nützlich für uns."

Doch der Kontrollaufgabe des Aufsichtsrats sei das nicht unbedingt dienlich, kritisiert Aktionärsschützer Bender. "Nichts gegen Mitbestimmung, aber hier geht es um Kontrolle." Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat hätten kein Eigentum am Unternehmen und kein Interesse, Eigentümeraufgaben wahrzunehmen. Sie würden in erster Linie eigene Anliegen verfolgen.

Die andere Hälfte des Aufsichtsrats, die die Anteilseigner vertreten soll, wird von den Aktionären auf der Hauptversammlung bestimmt. "Die Aktionäre müssten alleine Aufsichtsratskandidaten für die Wahl vorschlagen. Aber das ist nicht so", beklagt Bender. In der Regel würden sich Vorstand und Aufsichtsrat auf die Kandidaten einigen. "Und diese werden dann von der Hauptversammlung abgenickt."

Zwar sind kritische Wortmeldungen auf Hauptversammlungen üblich. Doch bei Abstimmungen gehen die besonders kritischen Kleinaktionäre meist unter, weil sie nur geringe Anteile am Unternehmen haben. Und diese sind bei der Auszählung entscheidend.

Großaktionäre wie Banken - inklusive ihrer Fondsgesellschaften - sowie Versicherungen nehmen nach Benders Ansicht dagegen ihre Kontrollfunktion als Eigentümer oft nicht wahr, weil sie Geschäftspartner der Unternehmen seien, deren Aktien sie besitzen. So würden Banken davor zurückschrecken, mögliche Geschäfte als Kreditgeber oder Partner für Wertpapieremissionen von Konzernen durch kritisches Abstimmungsverhalten ihrer Fondsgesellschaften auf der Hauptversammlung zu gefährden.

Aus Bequemlichkeit verzichten auch viele Kleinaktionäre auf ihr Mitspracherecht. Immerhin 14 Prozent aller Aktien von deutschen Unternehmen seien in privater Hand, erklärt Bender. Doch nur ein Prozentpunkt davon sei im Durchschnitt auf Hauptversammlungen vertreten.

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