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Bitte anhalten: Märklin ist insolvent und braucht einen neuen Geldgeber.

Märklin

Wie ein Traditionsbetrieb aus der Spur geriet

München – Nach 150 Jahren Firmengeschichte kippt Märklin vom Gleis. In die Insolvenz trieben den angestaubten Modellbahnbauer Billigkonkurrenten und erfolglose Manager. Auch die Gesellschafter stehen in keinem guten Licht da. Doch es keimt Hoffnung.

Als Axel Diez im Oktober endgültig hinschmiss, hielten ihm bei Märklin nicht mehr viele die Stange. Der Firmenchef passierte Angestellte ohne zu grüßen. Distanziert und abwesend habe er gewirkt, berichten Mitarbeiter. Krumm nehmen sie ihm bis heute, dass er penibel die Personalkosten kontrollierte, an sich selbst aber weniger streng Maß anlegte.

Gerüchten zufolge orderte Diez zu seinem Einstand im Februar 2007 einen mit allen Extras ausgestatteten Audi Q7. Fakt ist, dass er nie eine Unterkunft am Märklin-Stammsitz Göppingen anmietete, sondern in der nahen Burg Staufeneck logierte. Das Fünf-Sterne-Hotel mit angeschlossenem Feinschmeckerlokal zählt nach eigenen Angaben zu den Top-30-Herbergen der Republik.

„Wer hart arbeitet und ein ordentliches Geschäft macht, der hat solche Vergünstigungen verdient“, sagt Renate Gmoser, Märklin-Beauftragte bei der Göppinger IG Metall. Doch das Geschäft lief auch unter Diez nicht ordentlich. Nach nur 19 Monaten nimmt der erfolglose Manager seinen Hut. Ein halbes Jahr später, am 4. Februar 2009, beantragt die Traditionsfirma für die Standorte Göppingen und Nürnberg die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Die örtliche Sparkasse und die Landesbank Baden-Württemberg rücken keinen Kredit mehr raus.

Das Geld geht Märklin ausgerechnet zum 150-jährigen Firmenjubiläum aus. Im Jahr 1859 hatte Theodor Friedrich Wilhelm Märklin in Göppingen mit Puppenküchen begonnen. Jahre später präsentierten seine Söhne auf einer Leipziger Messe eine Uhrwerkbahn auf Schienen. Der Rest ist Geschichte: Das Unternehmen steigt zu einem der namhaftesten Spielbahnbauer auf.
Bis in die 1990er-Jahre hinein läuft das Geschäft rund. Märklin sei ein Selbstläufer, freuen sich die Geschäftsführer und lehnen sich zurück. Sie versäumen es nicht nur, ein effizientes System der Kostenkontrolle zu installieren. Sie verpassen auch den Wandel der Zeit.

In Deutschland, dem wichtigsten Absatzmarkt, altert die Bevölkerung. Die Zahl der Kinder habe sich in den letzten 20 Jahren halbiert, sagt Märklin-Sprecher Roland Gaugele. Zugleich haben der Computer und billiges Spielzeug aus Asien der Eisenbahn das Wasser abgegraben. Zwar hat Märklin längst auch im Erwachsenenmarkt Fuß gefasst und bindet Väter anstelle von Söhnen an sich. Doch die Kultmarke vergraulte manchen Sammler mit hohen Preisen. „Gerade den Rentnern fehlt heute die Kaufkraft für Märklin-Produkte“, sagt Gewerkschafterin Gmoser.

Nach der Jahrtausendwende kämpft Märklin ums Überleben. Lag der Umsatz 2002 noch bei 170 Millionen Euro, stürzen die Erlöse in der Folge auf unter 130 Millionen. Die Lage spitzt sich zu und führt im Mai 2006 zur Zäsur: Der britische Investor Kingsbridge Capital bringt gemeinsam mit der US-Bank Goldman Sachs 50 Millionen Euro in das Unternehmen ein und löst damit die Nachkommen des Gründers als Gesellschafter ab. Nach drei Generationen ist Märklin nicht mehr in Familienhand.

Das Team von Kingsbridge tritt an, um den Spielwarenhersteller mit seinen Marken Märklin, Trix und später auch LGB zu sanieren. Sie räumen erbarmungslos auf: Die Fabrik in Thüringen schließt, hunderte Jobs fallen weg und Teile der Produktion wandern ins ungarische Györ und nach Fernost. Der Sparkurs allein fruchtet aber nicht, weil die neuen Eigentümer nach Ansicht von Mitarbeitern am Markt vorbei produzieren. Der Umsatz stagniert, die Zahlen bleiben tiefrot. Auf 20 Millionen Euro soll sich der Fehlbetrag im Jahr 2008 belaufen.

"Kingsbridge war nicht mit Herzblut bei der Sache“, heißt es in der Branche. Doch es ist mehr als das. Insolvenzverwalter Michael Pluta kritisierte zuletzt scharf den exzessiven Einsatz von Beratern. Allein 2006 und 2007 seien insgesamt mehr als 24 Millionen Euro an externe Fachleute überwiesen worden. Hätte sich Märklin diese Ausgaben gespart, wäre es nicht zu der Pleite gekommen, sagt Pluta. Zuletzt ging deshalb eine anonyme Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein.

Ein unglückliches Bild bot auch die Personalpolitik von Kingsbridge bei Märklin. Drei Mal wechselte in 32 Monaten der Geschäftsführer, einer von ihnen war Axel Diez. Den Briten wird zudem unterstellt, Millionen für Managerbezüge und überteuerte Darlehen abgesaugt zu haben. Ein Sprecher weist diese Vorwürfe zurück: Drei Mal habe Kingsbridge Geld nachgeschossen und lediglich 2,8 Millionen Euro für Gehälter, Gebühren und Zinsen berechnet.

Die Investoren hatten ein rein finanzielles Interesse an Märklin, sagt Verwalter Pluta. Er sucht nun nach einem mittelständischen Geldgeber, der dem Modellbahnbauer langfristig zur Seite steht. Gespräche laufen, Pluta ist zuversichtlich. „Natürlich“, betonte er gestern in Berlin, „hat Märklin eine Zukunft.“

von Florian Ernst

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