Vom Traum-Mieter zum Albtraum

- München - Sicheres Auftreten, gepflegtes Äußeres, solide Finanzen: Auf den ersten Blick ein Mieter, wie er im Buche steht. Doch schon nach kurzer Zeit offenbart der sogenannte Mietnomade sein wahres Gesicht. Die Zahlungen bleiben aus, Mahnbescheide landen im Altpapier. Auch die fristlose Kündigung oder Räumungsbeschlüsse können diese besondere Spezies Mieter nicht beeindrucken.

Er bleibt, wo er ist, unbehelligt und unverfroren - in den schlimmsten Fällen bis zu eineinhalb Jahren lang.

"Der klassische Mietnomade ist ein Wiederholungstäter", beschreibt Thomas Fuhrmann, Vorsitzender des Bayerischen Wohnungs- und Grundeigentümerverbands (BWE), das Phänomen. "Er hinterlässt verdreckte, verwüstete und renovierungsbedürftige Wohnungen." Mietnomaden leben auf großem Fuß: Von wegen Einzimmer-Apartment. Für die meisten muss es schon das Häuschen im Grünen sein.

Bis zu fünf Prozent aller Mieter in Bayern zahlen ihre Miete vorsätzlich nicht, schätzt Ulrike Kirchhoff, Vorsitzende des Landesverbands Bayerischer Haus-, Wohnungs- und Grundbesitzer. Tendenz steigend. "Aber das Verheerende sind nicht die Zahlen", so Kirchhoff, "sondern der sehr große Schaden, der entsteht."

Auf 2,2 Milliarden Euro beliefen sich die Mietausfälle im vergangenen Jahr in Deutschland. Das sind zehn Prozent mehr als noch 2004, sagt die bundesweite Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus & Grund. Allein in München kommen jährlich 30 bis 50 Millionen Euro an Mietausfällen, Gerichtskosten und Anwaltshonoraren zusammen. In den schlimmsten Fällen stehen die Vermieter vor dem Ruin - ohne Aussicht auf Wiedergutmachung.

Die zunehmende Verschuldung privater Haushalte, steigende Arbeitslosigkeit und hohe Energiepreise - oft sind zahlungsunfähige Mieter nicht von vornherein zahlungsunwillig. "Aber es wird den Leuten einfach gemacht, wenn sie ihre Miete nicht begleichen", beklagt Stefan Diepenbrock, Pressesprecher von Haus & Grund. Zwei Monate lang muss der Vermieter Zahlungsrückstände hinnehmen, erst dann darf er die fristlose Kündigung aussprechen. Weitere Eskalationsstufen: ein rechtskräftiger Mahnbescheid, Räumungsklagen bis hin zur Zwangsräumung. Doch die Mühlen der deutschen Justiz mahlen langsam und die Zeit bis zum vollstreckbaren Räumungstitel ist lang.

Wer als Vermieter seine Chancen auf eine Einigung schwinden und die Finanzen schrumpfen sieht, der greift mitunter zu drastischen Mitteln: Strom aus, Wasser zu. "Das hat mit Rechtsstaatlichkeit nichts zu tun", schimpft Ulrich Ropertz, Pressesprecher des Deutschen Mieterbunds.

Dann doch lieber Prävention statt Konfrontation: Um einen Mietnomaden schon vor dem Vertragsabschluss zu erkennen, raten Vermieterverbände ihren Mitgliedern, eine Selbstauskunft über das verfügbare Nettoeinkommen zu verlangen. Auch ein Blick in die "Vermieterschutzkartei" in Stuttgart (www.vermieterschutzkartei.de) ist hilfreich. Sie erfasst die Daten aus den Schuldnerverzeichnissen aller deutschen Amtsgerichte. Spätestens nach einem "Solvenzcheck", den sowohl die Haus & Grund als auch der BWE ihren Mitgliedern in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsauskunftei "Creditreform" anbieten, wird klar, ob ein gepflegtes Äußeres lediglich über eher "ungepflegte" Absichten hinwegtäuschen soll.

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