Ein Trostpreis für Ruhrkohle-Chef Müller

Nach Intrigen aus der Politik: - Essen - Er hat die Ruhrkohle RAG zur Börsenreife gebracht und der Politik eine tragfähige Lösung für die Milliarden-Altlasten aus dem Steinkohlebergbau serviert. Dafür drohte RAG-Chef Werner Müller in einem Strudel aus Polit-Intrigen unterzugehen. Nun wurde eine Lösung präsentiert.

Nach wochenlangem Hauen und Stechen scheint der Führungsstreit im RAG-Konzern entschieden: Der jetzige Konzernchef Werner Müller, Bundeswirtschaftsminister unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder, übernimmt die Führung der Industrietöchter des Unternehmens. Sein großes Ziel, Chef der Kohlestiftung mit den Zechen, einem milliardenschweren Finanzpolster aus dem Börsengang und Kulturauftrag im Ruhrgebiet zu werden, ist am erbitterten Widerstand des NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) gescheitert.

Am Montag war noch unklar, ob Müller zur Gesichtswahrung nicht wenigstens für einige Wochen den Spitzenjob in der Stiftung bekommen wird. Die SPD in Berlin beharrte weiter auf dieser Forderung, die von der CDU schon in früheren Gesprächen abgelehnt worden ist. Langfristig wird jedenfalls ein Kandidat des CDU-Vertrauens die Stiftungsspitze übernehmen. Damit geht ein Streit um einen der wichtigsten deutschen Industriekonzerne mit knapp 80 000 Beschäftigten zu Ende, der stellenweise spielfilmtauglich war.

Schon kurz nach dem offiziellen Abschluss des Kohlekompromisses im Februar, der den geschlossenen Börsengang der Industrietöchter zur Finanzierung der Kohle-Ewigkeitskosten vorsah, hatte die NRW-Landesregierung neuen Zweifel an dem Projekt geäußert. NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) dachte bei einer Reise in Indien öffentlich darüber nach, ob ein Einzelverkauf der RAG-Unternehmen Degussa (Chemie), Steag (Kraftwerke) und der Immobilien nicht lukrativer wäre. In der RAG-Spitze wurde das als Obstruktion des Börsengangs und Attacke gegen Müller gesehen.

Kurz danach füllten Vorwürfe gegen Müller wegen einer Vereinbarung mit dem Aktionär Arcelor die Schlagzeilen. Der RAG-Chef soll das Unternehmen bevorzugt und den Aufsichtsrat nicht ausreichend informiert haben, kritisierte Großaktionär RWE. Dazu wurde eine Sonderaufsichtsratssitzung einberufen. Die offizielle Feststellung eines Pflichtverstoßes würde Müllers Rücktritt erzwingen, wurde bereits spekuliert.

Kurz vor Pfingsten verkündete dann Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) per Pressemitteilung den Verzicht Müllers auf den Stiftungsvorsitz - obwohl dies offensichtlich mit dem RAG-Chef gar nicht abgestimmt war. Das Essener Unternehmen dementierte auf allen Kanälen die angeblich einvernehmliche Lösung. Die Kanzlerin musste mit einem Appell für eine "Lösung der Vernunft" die Streithähne zur Ordnung rufen.

Die Hintergründe für den heftigen Konflikt zwischen Müller und dem CDU-Lager sind für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar. Das Verhältnis zwischen dem RAG-Chef und Rüttgers gilt als zerrüttet - nicht nur, weil Müller vor zwei Jahren im NRW-Landtagswahlkampf SPD-Kandidat Peer Steinbrück offen unterstützt hatte. Der RAG-Chef gilt auch als machtbewusst und ehrgeizig. Einen SPD-nahen "Sonnenkönig im Ruhrgebiet", der mit einem Großunternehmen im Rücken im Ruhrgebiet Kulturförderung mit Steuergeld betreibt, wollte Rüttgers wohl auf keinen Fall akzeptieren.

Bei einem Börsenkonzernchef Müller sieht die Sache schon völlig anders aus. Hier gehe es schließlich nicht um öffentliche Gelder und Müller sei den Aktionären Rechenschaft schuldig, hieß es am Dienstag aus dem Umfeld der Landesregierung.

Für Müller ist die Entscheidung nur auf den ersten Blick enttäuschend. Zwar hat er sein Hauptziel verfehlt. Einen auf Dauer Dax-notierten Konzern mit über insgesamt 50 000 Mitarbeitern zu führen, hat aber durchaus Reize.

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