Trotz Abschwung keine Zinssenkung

Die Europäische Zentralbank war in der Zwickmühle: Im Euro-Raum herrschen hohe Inflationsraten. Das spricht eigentlich für eine Zinserhöhung. Andererseits schwächt sich die Konjunktur wohl stärker ab als erwartet. Das spricht für sinkende Zinsen. Die europäischen Notenbanker wählten das Nichtstun: Die Leitzinsen in Europa bleiben vorerst wie sie sind.

Die Notenbank ließ den wichtigsten Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft im Euro-Raum mit Zentralbankgeld bei 4,25 Prozent. Zwar erwartet der EZB-Stab in diesem und im nächsten Jahr weniger Wachstum in den 15 Ländern mit der Euro-Gemeinschaftswährung als noch vor drei Monaten vorhergesagt. Zugleich treiben aber hohe Energie- und Lebensmittelpreise weiterhin die Inflation - was gegen Zinssenkungen zur Ankurbelung der Konjunktur spricht. "Wir unterstreichen, dass die mittelfristige Wahrung der Preisstabilität unser vorrangiges Ziel ist", betonte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in Frankfurt.

Die EZB senkte ihre Wachstumsprognose für 2008 deutlich. Für dieses Jahr erwartet sie für den Euro-Raum eine reale Wachstumsrate von - im Mittel - 1,4 Prozent. Bei ihrer letzten Vorhersage im Juni war die EZB noch von 1,8 Prozent ausgegangen. "Die Wirtschaft des Euro-Raums durchlebt derzeit eine Zeit der Konjunkturabschwächung", sagte Trichet. Die Wachstumsschwäche sei jedoch "eine Episode". Die EZB erwarte eine schrittweise Erholung.

Für 2009 rechnet die EZB im Jahresverlauf zwar wieder mit einem stärkeren Wachstum, senkte aber ihre Prognose von - im Mittel - 1,5 Prozent auf 1,2 Prozent.

Wegen der anhaltend hohen Preise für Energie und Lebensmittel erwartet die EZB nach Trichets Worten indes "über längere Zeit" Inflationsraten, die deutlich über der Zielmarke der Notenbank für Preisstabilität von knapp unter 2,0 Prozent liegen. Für 2008 geht der EZB-Stab von einer durchschnittlichen Teuerung von 3,5 Prozent aus, nachdem bislang eine Rate von 3,4 veranschlagt worden war.

Für 2009 wurde die Projektion von bisher 2,4 Prozent auf 2,6 Prozent erhöht. Seit Monaten wird die Marke von 2,0 Prozent verfehlt: Im August lag die jährliche Teuerungsrate im Euro-Raum bei 3,8 Prozent. Trichet zeigte sich zuversichtlich, dass im Laufe des Jahres 2010 wieder Preisstabilität erreicht wird.

Bei niedrigeren Zinsen wird es für Banken günstiger, sich bei der Notenbank mit frischem Geld zu versorgen. In der Folge sinken die Kreditkosten für Unternehmen und Verbraucher, was Investitionen und Konsum ankurbeln kann. Ökonomen rechnen 2009 mit Zinssenkungen der EZB.

Euro und Dax auf Tauchstation

Unterdessen gingen gestern sowohl die Aktienmärkte als auch der Kurs des Euro auf Tauchstation. Überraschend positive US-Konjunkturdaten (Einkaufsmanagerindex) schickten den Euro auf den tiefsten Stand seit über sieben Monaten. Zwischenzeitlich lag er bei nur mehr 1,4374 US-Dollar. Jenseits tagesaktueller Ausschläge gelten die seit Mitte Juli sinkenden Rohstoffpreise und die Angst vor einer Rezession im Euro-Raum als Gründe für den Euro-Abstieg von Höhen über 1,60 Dollar. In den USA hingegen scheint nicht zuletzt ein Konjunkturprogramm der US-Regierung die erwartete Rezession abgewendet zu haben.

Der Dax rauschte gestern zwischenzeitlich um 3,16 Prozent auf 6236 Punkte nach unten. Neben den eingetrübten Konjunkturaussichten durch die EZB machten charttechnisch orientierte Aktienexperten eine klassische Bullenfalle als Grund für den Kursrutsch aus. 

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