Schwarzes Gold, scharfe Waffe

Trotz Krisen: Billig-Öl überschwemmt die Welt

München - Trotz aller Krisen in der Welt kennt der Ölpreis seit Monaten nur eine Richtung: abwärts. Was Autofahrer und Unternehmen hierzulande freut, ist auch Teil eines strategischen Machtkampfes.

Schon lange hat man die Gesichter der Autofahrer beim Tanken nicht mehr so entspannt gesehen wie derzeit: Seit Ende Juni fielen die Ölpreise um knapp 30 Prozent, im Gefolge sind Benzin und Diesel so günstig wie lange nicht mehr. Während Verbraucher und Industrie über die fallenden Rohstoffpreise jubeln, trifft die Entwicklung die Förderländer, die von den Öleinnahmen abhängig sind, hart. Das schwarze Gold wird für manchen vom Segen zum Fluch. Doch es geht nicht nur um Geld. Dahinter steckt auch ein vielschichtiger, strategischer Kampf um Märkte und Macht. Im Zentrum stehen Saudi-Arabien, die USA, Russland – und der Iran.

Erstaunlich: Derzeit mangelt es wahrlich nicht an Krisen in der Welt: Naher und Mittlerer Osten stehen in Flammen, Nordafrika wird von heftigen politischen Turbulenzen nach dem gescheiterten arabischen Frühling geschüttelt. Doch diese politischen Wirrungen treiben den Ölpreis nicht an.

In der kommenden Woche treffen sich die OPEC-Ölstaaten zu ihrem Gipfel, um über ihr weiteres Vorgehen zu beraten. In früheren Zeiten reagierte das Kartell auf Preisverfall meist mit Förderkürzungen, um den nächsten Höhenflug des Ölpreises einzuläuten. Doch das erwartet Manuel Frondel, Energieexperte und Professor am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, diesmal nicht: „Ich rechne damit, dass Öl weiter billig bleibt“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Saudi-Arabien hat bereits im September auf die gesunkenen Ölpreise mit einer Ausweitung der Förderung reagiert. Deren Strategie richtet sich auf die Ausweitung ihrer Marktanteile. Und diesen Kurs wird man fortsetzen“, erwartet Frondel. Zudem: Der wichtigste Grund für die derzeitige Ölpreis-Baisse sei die zum Teil bereits eingetretene sowie die erwartete weltweite wirtschaftliche Abschwächung. Sinkende Nachfrage treffe also auf ein ausgeweitetes Angebot.

Und diese Angebotsschwemme könnte sich noch verstärken. Die internationalen Verhandlungen über das Atomprogramm des Iran scheinen sich auf eine Einigung zuzubewegen. Das wegen seiner Atompolitik unter westlichen Sanktionen ächzende Land am Persischen Golf ist auf hohe Ölpreise angewiesen. Nach einem Wegfall der Sanktionen könnte Teheran seine dringend benötigten Einnahmen durch Ölexporte nicht mehr nur nach China und Asien, sondern auch wieder gen Westen decken. „Es wäre eine doppelte Gewinnsituation für die USA, wenn der Atomdeal mit dem Iran gelingen würde“, sagt Frondel. Es würde nicht nur die vermutete Gefahr einer atomaren Bedrohung für den US-Partner Israel bannen. Iran würde aufgrund seiner Lage am Golf – quasi im Zentrum einer Machtverschiebung – wieder ein Partner der USA für deren neue Ausrichtung in die pazifische Region werden. (Auch wenn das dem saudischen Konkurrenten wiederum nicht gefällt). Und nicht zuletzt: Billiges iranisches Öl würde den Druck auf Russlands Präsidenten Waldimir Putin weiter erhöhen.

Hängt Putins Herrschaft vom Ölpreis ab?

Durch die massive Ausweitung der Fracking-Ölgewinnung hat Amerika das ehemalige Zarenreich bereits von Platz zwei der weltweiten Erdölförderer hinter Saudi-Arabien verdrängt. Ein dauerhaft niedriger Ölpreis brächte Putins Staatshaushalt vollends ins Wanken. Nicht nur der Rubel ist im freien Fall (schon 40% Wertverlust gegenüber dem Dollar in diesem Jahr). Die gesunkenen Preise setzten bereits den größten russischen Öl-Staatskonzern Rosneft so unter Druck, dass der Gigant in Moskau um Milliardenkredite ersuchen musste.

Hängt Putins Herrschaft also vom Ölpreis ab? „Das ist nicht von der Hand zu weisen“, meint Wirtschaftsexperte Frondel. „Weiter sinkende Ölpreise würden Russlands finanzielle Situation verschärfen, und könnten die Unterstützung für Putins Politik bröckeln lassen.“ Denn der Absturz des Rubels wird begleitet von einem Anstieg der Inflation auf über 8 Prozent. Da auch die Reallöhne zu sinken beginnen, erhalten die Menschen in den Geschäften immer weniger für ihr Geld. Die Mittelschicht sowie die unteren Einkommensschichten sind die glühendsten Anhänger Putins. Noch.

In Moskau wittert man bereits – wieder einmal – eine Verschwörung. Nikolai Patruschew, Chef des nationalen Sicherheitsrates, wirft den USA vor, Russland wie in den 80er Jahren durch mutwilliges Drücken des Ölpreises in den Ruin treiben zu wollen. Derzeit liegt der Ölpreis bei knapp über 80 Dollar pro Barrel (= 156 Liter), Russland bräuchte laut Analysten einen Wert von knapp über 100 Dollar, um ein Staatsdefizit zu vermeiden.

Für andere Ölstaaten wäre selbst das bei weitem nicht genug: Bahrain, dessen Staatsetat zu zwei Dritteln durch die Öleinnahmen gedeckt wird, bräuchte einen Verkaufspreis von 138 Dollar. Venezuela, das verzweifelt Verbündete im Kampf gegen den Preisverfall sucht (auch in Moskau), bräuchte nach Analysen der Deutschen Bank 162 Dollar pro Barrel, um den Staatsetat für 2014 zu decken. Doch das OPEC-Kartell ist sich nicht einig über den Kurs.

Glaubt man internationalen Experten, hat OPEC-Leitwolf Saudi-Arabien noch ein anderes Kalkül: Dem Herrscherhaus in Riad ist der Aufstieg der USA in die Spitze der Erdölförderer ein Dorn im Auge. Ansatzpunkt seiner Gegenstrategie sind die höheren Produktionskosten der aufwändigen Schieferölindustrie in USA gegenüber den Petroquellen in der arabischen Wüste. Drücken die Saudis den Preis, könnten sie den US-Ölfirmen das Leben schwer machen. Wirtschaftsexperte Frondel sieht die Rentabilitätsgrenze in den USA bei etwa 80 Dollar pro Barrel: „Über kurze Phasen hinweg sind auch niedrigere Preise verkraftbar. Mittelfristig würden dann allerdings wohl Projekte gestoppt werden“, so Frondel.

Geht die Prognose für Billig-Öl auf, können Autofahrer, Öl-Heizer und Unternehmen in Europa einem kostengünstigen Winter entgegensehen...

Alexander Weber

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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