Trügerisches Firmen-Paradies

- München - Im Streit um die Verlagerung von Siemens-Arbeitsplätzen ins Ausland fordert der IG-Metall-Vize Berthold Huber eine Änderung der EU-Subventionsregeln. Verlagerungen sollen nicht gefördert werden. Auch mehren sich Zweifel an Spareffekten in Osteuropa oder Asien. Den Stellenabbau in Deutschland werden diese aber wohl nicht stoppen.

<P>Nach Siemens will auch MTU Arbeitsplätze abbauen. 337 wegfallende Stellen in München, 155 in Hannover und 50 in Berlin sollen die ehemalige Daimler-Chrysler-Tochter bis 2006 reif für die Börse machen. Von Verlagerung ist bei dem Turbinenhersteller nicht die Rede.</P><P>"Gegenwärtig werden Industrieansiedlungen im Osten der EU mit Subventionen aus Brüssel gesponsert", sagte Huber gegenüber Spiegel Online. "Da zahlt man in Deutschland Steuern und wird mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bestraft."</P><P>Zwischen 5000 (laut Siemens) und 13 200 Stellen (laut IG Metall) sind bei dem Elektrokonzern von Verlagerung bedroht. Siemens fordert von den Beschäftigten Mehrarbeit und Lohnverzicht. Zwischen 20 und 30 Prozent Kostenvorteil in Ungarn hat Siemens ausgerechnet.</P><P>Allerdings sind solche Zahlenangaben umstritten. Der reine Lohn ist dramatisch niedriger. Geringere Produktivität, Kosten für Instruktion der Beschäftigten und Verluste durch Sprachprobleme sorgen aber für eine Annäherung. Stephan Götzl, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, schätzte gegenüber unserer Zeitung die Gesamtkosten selbst im Niedrigstlohnland China auf 80 % des deutschen Niveaus.</P><P>Dazu kommen Wechselkursrisiken. Lediglich die baltischen Staaten und Zypern gelten in absehbarer Zeit als reif für den Euro. Auch glänzen die Beitrittsländer durch ein Wachstum, das zwei bis vier Prozentpunkte über dem deutschen liegt. Das bedeutet: Die Lohnlücke wird sich langfristig schließen.</P><P>Gleichzeitig gibt es erhebliche Defizite in anderen Bereichen. Die Anti-Korruptions-Organisation TI ortet in den Beitrittsländern "blühende Korruption". Das erfahren auch deutsche Unternehmen mit Werken in Tschechien. Während diese die strengen Umweltvorschriften der EU einhalten müssten, drückten die Behörden bei Einheimischen ein Auge zu, monierte Dieter Mankowski, Vorsitzender des Euro-Czech Forums in Radio Prag.</P><P>Auch der hohe Ausbildungsstand erweist sich häufig als Gerücht. Mankowski: "Es gab hier einmal eine handwerkliche Ausbildung, die generell als recht gut galt, auch bei uns im Westen, das war bis 1989/90."</P><P>So tragen sich Firmen, die den Weg in den Osten gegangen sind, erneut mit Umzugsgedanken. In Ungarn werden Belegschaften, wie der Gewerkschafter Huber sagt, "mit dem Argument unter Druck gesetzt, dass die Produktion in Polen mindestens 20 % billiger ist".</P><P>Manche ausländischen Firmen finden auch den Standort Deutschland nicht so schlecht: So der US-Konzern General Electric (GE), den Siemens-Chef Heinrich von Pierer oft als Vorbild preist. GE habe 2003 in Deutschland von 1600 auf 7000 Stellen aufgestockt, sagte vor kurzem der Deutschland-Chef des Konzerns, Thomas Limberger. Zugleich seien die Umsätze von 4,4 auf sechs Milliarden Dollar und die Gewinne prozentual zweistellig gestiegen. Bis 2006 wolle man die Deutschland-Umsätze verdoppeln und weiter Stellen aufbauen. In Garching baut GE ein europäisches Forschungszentrum. "Es ist ein Riesenerfolg für uns, zu zeigen, dass am Standort Deutschland so viel zu bewegen ist", so Limberger.</P>

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