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Fataler Lira-Absturz in der Türkei: Jetzt folgt Erdogans überraschende Kehrtwende

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Von: Thomas Schmidtutz, Patricia Huber

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gerät angesichts des rapiden Lira-Verfalls innenpolitisch unter Druck. (Archiv-Fotos)
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gerät angesichts des rapiden Lira-Verfalls innenpolitisch unter Druck. (Archiv-Fotos) © Itar-Tass/NurPhoto/Imago

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die Ausweisung von zehn Diplomaten gefordert - und damit die Talfahrt der Lira weiter beschleunigt. Jetzt rudert Erdogan zurück.

Update vom 26. Oktober, 10.05 Uhr - Der Kurs der türkischen Lira hat sich Dienstag auf niedrigem Niveau stabilisiert. Auslöser waren Aussagen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, wonach der deutsche und neun weitere Botschafter nun doch nicht ausgewiesen werden sollen. Die abrupte Kehrtwende steht offenbar im Zusammenhang mit dem Kursrutsch vom Montag. Investoren hatten verschreckt auf die geforderte Ausweisung der Diplomaten reagiert und die Landeswährung auf historische Tiefstände getrieben. Am Dienstag macht die Lira die Tagesverluste wieder mehr als wett.

Der Druck auf die Lira dürfte jedoch weiter anhalten. Das Vertrauen in die Notenbank des Landes ist an den Finanzmärkten gering, da sie trotz erst vor wenigen Tagen trotz der hohen Inflation die Zinsen gesenkt hat. Zuvor hatte Erdogan wiederholt eine Zinssenkung gefordert und mehrere Notenbank-Präsidenten ausgetauscht.

Lira-Absturz: Türkische Währung am Abgrund - Erdogan „nimmt es billigend in Kauf“

Erstmeldung vom 25. Oktober, 16.02 Uhr - Am Donnerstag senkte die türkische Notenbank den Leitzins um 2,0 Prozentpunkte auf 16,0 Prozent. Ökonomen zeigen sich entsetzt über diesen Schritt. Bei einer Inflation von über 19 Prozent wäre Experten zufolge eine Zinserhöhung nötig, um die Kaufkraft der Lira zu stärken.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hingegen glaubt, dass ein niedrigerer Zinssatz die Wirtschaft ankurbeln könnte. Doch im Kampf gegen die hohe Inflation würde nur eine Erhöhung des Leitzinses helfen.

Türkei: Exportprodukte werden billiger und wettbewerbsfähiger

Seit der Zinssenkung sieht es schlecht aus für die türkische Lira. Sie hat gegenüber dem Euro um 3,5 Prozent an Wert verloren. Seit Beginn des Jahres beläuft sich der Verlust mit dem Euro auf circa 25 Prozent. Nachdem Erdogan am Sonntag (24. Oktober) etliche Botschafter aus westlichen Ländern zu unerwünschten Personen erklärt hatte, sackte die Lira besonders gegenüber dem Dollar erneut ab.

Gegenüber ntv sagt Ascan Iredi, Portfoliomanager bei der DZ Privatbank S.A.: „Die Regierung nimmt den Werteverfall der türkischen Währung billigend in Kauf.“ Für den Export sei das gut, da türkische Produkte so billiger und wettbewerbsfähiger werden.

Doch recht viel mehr Vorteile bringt die Zinssenkung nicht mit sich. Auf lange Sicht ergibt sich damit sogar ein Nachteil für die Türkei. „Nicht nur das Volksvermögen sinkt durch die Inflation“, erklärt Iredi. Das gesamte Land verliere dadurch den internationalen Anschluss, was sich besonders für Unternehmen negativ auswirkt.

Erdogans Finanzpolitik wird Auswirkungen auf die Wahlen haben

Um die Lira zu retten, müsste die türkische Regierung einsehen, dass es höhere Zinsen braucht, macht Iredi klar. „Anders wird man den Verfall der türkische Lira nicht aufhalten können.“ Letztlich gehe es Erdogan nur um Stimmen bei der nächsten Wahl.

Doch Iredi macht klar, dass der Präsident die Wähler mit seiner aktuellen Taktik auf lange Sicht vergraulen könnte. „Letztlich wird es Arbeitsplätze kosten und spätestens dann wird es auch Auswirkungen auf die nächsten Wahlen haben“, fasst der Portfoliomanager die prekäre Lage zusammen. (ph)

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