Turbulenzen: Im EADS-Cockpit stellt sich die Pilotenfrage

- Paris/München - Die milliardenschweren Produktionsprobleme beim Airbus A380 stellen die Führungsstruktur des Flugtechnikkonzerns EADS in Frage. Co-Chef Noë¨l Forgeard steht unter Druck. Ausgerechnet in dieser heiklen Phase soll die Bayerische Landesbank einen Einstieg bei dem europäischen Konzern erwägen, hieß es in einem Medienbericht. Die BayernLB dementierte.

In Toulouse "wusste jeder seit Monaten, dass der Lieferrhythmus nicht eingehalten werden kann", sagt der französische CFE-CGC-Gewerkschaftsdelegierte Thierry Villequiez. Doch sowohl bei Airbus als auch beim Mutterkonzern EADS hatten die Topmanager nach eigener Aussage keine Ahnung von den katastrophalen Engpässen in der Produktion. Selbst der gerade als European Business Leader 2006 geehrte Noë¨l Forgeard, bis vor einem Jahr Airbus-Chef und jetzt in der EADS-Doppelspitze für Airbus verantwortlich, soll nichts gewusst haben.

Auch die EADS-Großaktionäre Lagardè`re und Daimler-Chrysler zeigten sich überrascht. Vor die Wahl gestellt, unehrlich oder inkompetent zu erscheinen, nehme er den Ruf hin, "nicht zu wissen, was in seinen Werken vorgeht", sagte der EADS-Co-Präsident Arnaud Lagardè`re. Mit seinem Kollegen an der Aufsichtsratsspitze, Manfred Bischoff, soll er nun ein Interview-Verbot für Forgeard verfügt haben, berichtete die Londoner Wirtschaftszeitung "Financial Times". Forgeard hatte zuvor für die erneute Verzögerung beim A380-Programm einige Produktionsstätten verantwortlich gemacht, unter anderem Hamburg. Eine baldige Ablösung Forgeards sei jedoch wenig wahrscheinlich, schrieb die Zeitung unter Berufung auf EADS-Quellen. Über seine Zukunft hätten die französische Aktionärsseite - der Lagardère-Konzern und der französische Staat - zu entscheiden.

Als ein Grund für die Probleme bei EADS wird in Frankreich die deutsch-französische Doppelbesetzung der Chefposten genannt. Ob Oberaufseher oder Konzernlenker: Immer sitzt ein Franzose gleichberechtigt neben einem Deutschen. Die "von zu vielen Entscheidungsebenen und einer kontraproduktiven deutsch-französischen Rivalität geprägte komplexe Unternehmensführung" sei verantwortlich für die viel zu späte Reaktion auf die Produktionsmängel, schreibt die am Airbus-Sitz Toulouse erscheinende "Dé´pè`che du Midi".

Als wollte er diese These belegen, zeigt Forgeard prompt mit dem Finger auf die Deutschen. "Als ich bei Airbus war, haben wir niemals unsere eigenen Prognosen verfehlt", sagt er mit Blick auf den neuen deutschen Airbus-Chef Gustav Humbert. Später korrigiert er den Schuss und sagt: Die Ursache für die Verzögerungen liegt eher bei der "ziemlich großen Konzentration von Problemen" in Hamburg.

Die Schuldzuweisungen kommen in Hamburg, aber auch in Frankreich schlecht an. Die Pariser Unternehmensberatung Inter-Cultural Management nennt sie "simplifizierend und gefährlich". Zudem müssten bei einer Mängelhäufung in Hamburg die Probleme auch in Toulouse zu spüren sein. Seit April werden dort keine A380-Rumpfsegmente mehr angeliefert, weil die Maschinen sich stauen. "Man wusste Bescheid, aber man wollte nichts sagen", sagte ein Gewerkschafter der Zeitung "Libé´ration". "Das ist der Airbus-Geist: Die Mitarbeiter würden niemals etwas sagen, was das Haus schädigen könnte."

Angesichts der Millionengewinne, die Forgeard und andere Manager kurz vor der Krise mit ihren Aktienoptionen einstrichen, äußern Medien, Gewerkschafter und Kleinanleger aber auch Zweifel an der Redlichkeit der Manager. Die Sozialisten fordern einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Damit geht es auch um die Zukunft Forgeards. Bisher hielt Präsident Jacques Chirac seine schützende Hand über seinen früheren Berater, der zudem als alter "Lagardè`re-Boy" gilt. Doch schon 2005 mit seinem monatelangen Machtkampf um die EADS-Spitze hatte Forgeard den Großaktionär Daimler-Chrysler stark irritiert. Lagardè`re will die Schwachstellen aufdecken und auch personelle Konsequenzen ziehen.

Nun meldete die "Wirtschaftswoche", die Landesbanken Hamburg und Bayern würden einen Einstieg bei der EADS prüfen. Sie könnten Anteile von Daimler-Chrysler übernehmen. Damit würden die Länder, in denen große industrielle Kapazitäten des Konzerns liegen, ihren Einfluss stärken wollen. Doch die BayernLB dementierte. "Wir werden das nicht tun", erklärte ein Sprecher des Instituts. Es habe auch keinerlei Pläne dazu gegeben.

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