Turbulenzen an Europas Börsen: Experten rufen Anleger zur Ruhe auf

London/Madrid - Nach dem Sturzflug der Aktien an den europäischen Börsen haben Regierungen und Experten die Anleger am Dienstag aufgerufen, Ruhe zu bewahren.

Experten in London rechnen für die kommenden Wochen zwar weiter mit Turbulenzen. Für Panikverkäufe sei es aber ohnehin zu spät, Investoren sollten zunächst abwarten, hieß es.

"Wir sollten angstmachende Wörter wie "Krach" vermeiden", betonte Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. Es handele sich um eine "Bereinigung" im US-Finanzbereich. Die Fundamente der europäischen Wirtschaft seien nicht mit denen der amerikanischen zu vergleichen.

Die Turbulenzen an den europäischen Handelsplätzen hielten am Dienstagnachmittag an. Lagarde appellierte indirekt an die Europäische Zentralbank, die Zinsen zu senken, "falls das Wachstum in der Eurozone deutlich geschwächt wird". Präsident Nicolas Sarkozy bekräftigte erneut, dass das internationale Finanzsystem transparenter werden müsse. 

"Die Märkte sind in Panik", sagte Christophe Foliot, Fondschef bei Edmond de Rothschild Asset Management. Er werde die Chance nutzen, um in Werte zu investieren, die unter die Räder gekommen seien. Holger Schmieding von der Bank of America sagte der BBC, er rechne für die nächsten drei bis sechs Monate mit einem Schrumpfen des Wirtschaftswachstums in Großbritannien und negativen Auswirkungen für den Immobilien- und Arbeitsmarkt. Wegen der anhaltenden Unsicherheit hält er es für wahrscheinlich, dass die Bank of England die Zinsen innerhalb der nächsten neun Monate um einen halben Prozentpunkt senken wird.

"Man soll das Ausmaß der Kursverluste nicht übertreiben", sagte Spaniens Wirtschafts- und Finanzminister Pedro Solbes. "Spanien befindet sich in einer günstigen Position und kann beruhigt in die Zukunft blicken." Nach Berechnungen der Zeitung "El Mundo" bedeuteten die Kursstürze des 'schwarzen Montags' einen Wertverlust von insgesamt 47 Milliarden Euro. Seit Jahresbeginn büßten die Spanier demnach 17 Prozent ihrer Börsenanlagen ein.

Der RTS-Index in Moskau machte am Dienstag im Tagesverlauf die Verluste vom Vormittag weitgehend wett. Zu Handelsbeginn war der Index erneut um etwa fünf Prozent eingebrochen. "Vor allem einheimische Investoren haben ihre Papiere abgestoßen", sagte der Analyst Alexej Tschalenko der Zeitung "Kommersant".

Ausländische Anleger hätten dagegen schon wieder begonnen, bei den billigen Aktien einzusteigen. An der Prager Börse beschrieben Händler und Analysten die Stimmung "nahe der Panik", nachdem der Aktienmarkt am Dienstag weitere Kursverluste erlebt hatte. Der Leitindex PX fiel am Morgen um 5,18 Prozent, berichtete die Nachrichtenagentur CTK. Die Verluste seien durch die Krise an den internationalen Märkten ausgelöst und weit weg von der Wirklichkeit, weil tschechische Wirtschaft und Unternehmen in einer sehr guten Verfassung seien, meldete CTK unter Berufung auf Analysten. In Polen bereiten sich Investitionsfonds, wo drei Millionen Polen ihre Ersparnisse haben, auf eine Welle enttäuschter Kunden vor, die das Geld zurückziehen wollen, wie die Zeitung "Gazeta Wyborcza" berichtet. Die polnischen Zeitungen verweisen darauf, dass der IWF in seiner letzten Prognose für Polen ein Wirtschaftswachstum von 5 Prozent vorsieht. Auch bei verschärften Vorgaben würden daher polnische Firmen keine Probleme damit haben, Kredite zu bekommen, meint "Rzeczpospolita".

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