Wut über Wortbruch des Kanzlers: Kampf um den Meisterbrief tobt

- München - Jenen Tag im Frühjahr wird Dieter Philipp nicht vergessen. Vormittags will er in München Kompromisse beim Modernisieren der Handwerksordnung bekannt geben. Alles steht bereit, noch wenige Minuten - da tritt der Bundeskanzler in Berlin zu einer Regierungserklärung an die Mikrofone und überrascht mit nie Besprochenem. Wortbruch, schimpft der Handwerks-Präsident. Die Stimmung zwischen dem mächtigen Verband und Rot-Grün ist seither getrübt.

<P>In der Debatte um Meisterbrief und -zwang fühlt sich die Handwerks-Lobby von der Bundesregierung verraten, "weil sie sich nicht an die Verabredung gehalten hat, die Handwerksordnung gemeinsam mit uns zu reformieren".</P><P>Wochenlang marschierte der Verband im Wirtschaftsministerium ein und aus. In Minister Clement glaubte man einen Unterstützer gefunden zu haben. Mit dem Gesetzentwurf kam die Enttäuschung: "Bis auf ein paar Floskeln wurde nichts aus unserem Modernisierungskonzept aufgenommen." Rot-Grün will den Meisterzwang für dutzende Berufe lockern, selbst Bäcker, Konditoren und Metzger bräuchten den Befähigungsnachweis nicht mehr.</P><P>"Was die Bundesregierung vorgelegt hat, ist zerstörerisch, nicht aufbauend", sagt Philipp. Vor allem bei Landespolitikern macht der Verband jetzt Stimmung gegen die Vorschläge, diesmal offenbar erfolgreicher.</P><P>Philipp argumentiert unter anderem mit der Ausbildung. Wer seinen Meister nicht gemacht hat, könne kaum umfassend ausbilden: "Was soll denn ein Betrieb einem jungen Menschen vermitteln, wenn der Inhaber den Beruf gar nicht gelernt hat?" Worte wie Ausbildungsboykott will der oberste Handwerker nicht in den Mund nehmen. Man wolle den "Konflikt mit der Regierung in keinem Fall auf dem Rücken der Jugendlichen austragen". Wohl aber schwingt die Drohung mit der Ausbildung in seinen Worten mit. Bisher bildet das Handwerk weit über den eigenen Bedarf aus. Wenn es seiner "gesellschaftlichen Verpflichtung nicht mit so großem Engagement nachkäme", lässt Philipp anklingen, "geht die Volkswirtschaft den Bach runter".</P><P>Steil bergauf geht es mit dem handwerkenden Mittelstand ohnehin nicht. Innerhalb von drei Jahren ging per Saldo jeder zehnte Job verloren - 5,4 Millionen Handwerker sind geblieben. Und die stehen in gnadenlosem Wettbewerb mit den Kollegen, mit im Baumarkt aufmunitionierten Heimwerkern und der Schwarzarbeit.</P><P>"Viele Betriebe verkaufen ihre Leistungen zu oft nicht mehr kostendeckend", klagt Philipp, auf hohe Preise angesprochen. Vor allem die angeschwollenen Lohnnebenkosten seien schuld: "Damit müssen wir in Deutschland runter." Was auch für die Mehrwertsteuer auf Dienstleistungen für Private gelte.</P><P>Wobei sich Philipp dem allgegenwärtigen Verbändejammern über die EU-Osterweiterung nicht anschließt. Das deutsche Handwerk müsse mit Qualität gegenhalten: "Man muss uns einfach besser sein lassen." Philipp führt selbst einen Betrieb an der deutschen Grenze - allerdings der zu Belgien und den Niederlanden. In Osteuropa sieht der Handwerkschef dennoch kaum Gefahren, sondern Chancen: "Für unsere Betriebe sind das doch enorme Märkte."</P>

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