Überblick im Stromtarif-Dschungel

München - Nach der Atomkatastrophe in Japan und dem vorläufigen Abschalten der älteren Atomkraftwerke in Deutschland könnten die Strompreise weiter steigen. Kunden können darauf mit einem Wechsel des Versorgers reagieren. Doch die Tarife sind oft unübersichtlich.

Ob es mit weniger Atomkraft überhaupt zu höheren Strompreisen kommt, ist umstritten. Während man im Regierungslager davon auszugehen scheint, widerspricht etwa der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft: „Kurzfristige Erhöhungen der Börsenpreise müssen sich nicht zwangsläufig sofort in steigenden Stromrechnungen niederschlagen, weil sie im Rahmen der langfristigen Beschaffung ausgeglichen werden können“, heißt es dort. Auch der Verbraucherschützer Holger Krawinkel verweist darauf, dass der Börsenpreis lediglich einen Anteil von 25 Prozent am Endpreis hat.

Ein Mittel gegen steigende Preise ist der Wettbewerb - und der nimmt erfreulicherweise zu: Gab es Anfang 2009 im Durchschnitt 53 Stromanbieter pro Postleitzahlengebiet, sind es in diesem Jahr schon 83, berichtet das Verbraucherportal Verivox. „Verbraucher fühlen sich aber überfordert, wenn es um die konkreten Vertragsdetails geht“, sagt Daniel Dodt vom Verbraucherportal Toptarif. Denn bei der Suche nach einem neuen Stromanbieter kommt es nicht nur auf günstige Preise an. „Auch das Tarifmodell spielt eine wichtige Rolle.“ Und die erscheinen oft kompliziert. Hier ein Überblick:

Grundversorgung

Diesen Tarif müssen die Energieunternehmen grundsätzlich allen Kunden anbieten. Die Versorgung erfolgt hier jeweils durch das Energieunternehmen, das die meisten Kunden in einem Gebiet hat, dem sogenannten Grundversorger. Die Preise müssen veröffentlicht werden. „Hier muss ich mich um nichts kümmern“, erklärt Jürgen Scheurer von Verivox. „Allerdings sind diese Tarife auch teuer.“ Der Wechsel aus der Grundversorgung in einen günstigeren Tarif ist in der Regel einfach: „Diesen Tarif kann man zum Monatsende kündigen.“

Neukunden-Bonus

Viele Energieversorger versuchen Kunden mit hohen Bonuszahlungen zu locken. Nach Angaben von Toptarif winken neuen Kunden bis zu 150 Euro. „Oft wird der Bonus aber erst nach einem Jahr gezahlt“, sagt Verivox-Experte Scheurer. „Das vergessen viele.“ Außerdem gelten die Boni in der Regel nur für das erste Jahr. Verlängert sich der Vertrag, läuft er ohne Bonus weiter.

Online-Tarif

Besonders günstig sind Online-Tarife. „Solche Tarife kann man nur über das Internet abschließen“, sagt Verbraucherschützer Pause. Der bürokratische Aufwand für die Unternehmen ist hier deshalb sehr gering. „Es fällt kaum Papierkram an.“

Allerdings läuft auch die weitere Kommunikation mit dem Anbieter ausschließlich online. Deshalb seien solche Tarife natürlich auch nur für Verbraucher mit einem Internetanschluss empfehlenswert.

Preisgarantie

Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein Stromunternehmen seine Preise erhöht. Gegen diesen Trend können Kunden sich schützen, denn viele Versorger bieten Tarife mit einer Preisgarantie an. Dabei gelten die Preise bei Vertragsabschluss für einen bestimmten Zeitraum, etwa sechs oder zwölf Monate. Verbraucherschützer empfehlen diese Varianten. „Allerdings sind solche Tarife oft etwas teurer als vergleichbare Angebote“, sagt Dodt von Toptarif. Außerdem gelte die Garantie nicht automatisch für alle Teile des Strompreises: Erhöhungen von Steuern und Abgaben etwa würden oft an die Kunden weitergereicht. Außerdem können Kunden von Preissenkungen nicht profitieren.

Staffel-Tarif

„Bei Staffel- oder Stufentarifen wird der individuelle Verbrauch der Kunden abgerechnet“, erklärt Daniel Dodt. So zahle ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 2000 Kilowattstunden Strom andere Grund- und Arbeitspreise als ein Haushalt mit einem Verbrauch von 8000 Kilowattstunden Strom. Diese individuellen Tarife sind meist günstig. „Allerdings muss der Kunde seinen Verbrauch sehr genau kennen“, gibt Dodt zu bedenken. Und: Die Einstufung in die jeweils günstigste Stufe erfolgt nicht immer automatisch. Besonders Haushalte mit einem hohen Verbrauch haben hier einen Vorteil: „Je mehr Kunden verbrauchen, desto billiger wird der Tarif.“

Paket-Tarif

Viele Versorger bieten ihren Kunden auch Paket-Tarife an, bei denen die Verbraucher für das gesamte Jahr eine feste Menge Strom zu einem bestimmten Preis kaufen. „Das gekaufte Paket ist in der Regel günstig“, sagt Verivox-Experte Scheurer. Das Problem: Jede Kilowattstunde, die mehr verbraucht wird, ist vergleichsweise teuer. Nicht genutzte Kontingente verfallen nach Ablauf der Vertragslaufzeit.

Tarif ohne Grundpreis

Einige Anbieter verzichten bei bestimmten Tarifen auf den Grundpreis. Bezahlt wird in diesem Fall ein verbrauchsabhängiger Arbeitspreis. Dieser Arbeitspreis liegt meist etwas höher als bei Tarifen mit Grundpreis. Meist muss zudem eine bestimmte Menge Strom abgenommen werden. Der Vorteil: „Der Kunde zahlt nur, was er tatsächlich verbraucht“, sagt der Toptarif-Experte Dodt. Das heißt, Sparsamkeit wird belohnt.

Tarif mit Vorauskasse

Tarife mit Vorauskasse gehören zu den günstigsten Tarifen. Hier zahlen Kunden den gesamten Jahrespreis vorab und werden dafür mit geringen Kosten belohnt. Aber: „Kunden müssen das Geld aber auch parat haben“, sagt Jürgen Scheurer. Für eine vierköpfige Familie können schon mal 800 Euro fällig werden. Verbraucherschützer raten von diesen Tarifen generell ab: „Der Versorger könnte pleitegehen“, warnt Roland Pause. „Das Geld ist dann verloren.“ Nach Angaben von Toptarif und Verivox liegt die letzte Pleite eines Stromversorgers allerdings etwa acht Jahre zurück.

Tarif mit Kaution

Eine Abschlagszahlung oder Kaution ist eine weitere Möglichkeit, zu günstigen Tarifen zu kommen. Zahlen die Kunden ihrem Versorger eine Kaution, bekommen sie den Strom günstiger. „Allerdings sollten die Zahlungen nicht zu hoch sein“, sagt Dodt. Denn der Betrag sei nichts anderes als ein zinsloses Darlehen an den Versorger, das nach Ablauf der Vertragslaufzeit zurückgezahlt oder verrechnet werde.

von claus-peter tiemann

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