Übergabe: Nicht klammern, weiterreichen

- Betriebsübergaben sind ein hoch brisantes Thema. Zehntausenden mittelständischen Betrieben in Bayern steht ein Wechsel an der Spitze bevor. Krisen, Kämpfe, Katstrophen inklusive.

München/Rosenheim -­ Der Generationenwechsel unterm Firmendach ist heikel. Wenn es heißt: "Nachfolger gesucht", beginnt in vielen kleinen und mittleren Betrieben das große Zittern, denn nicht selten endet mit dem Ruhestand des Chefs auch die Firmengeschichte. "Unternehmen leben mit den Inhabern und sterben auch mit ihnen", sagt Heinrich Traublinger, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern (HWK).

Ohne Reibereien geht die Übergabe vom Senior zum Junior selten, egal ob der Chefsessel von der eigenen Familie oder durch einen Externen neu besetzt wird. "Jede vierte Übergabe stürzt das Unternehmen in eine Krise und jede sechste endet in einer Insolvenz", weiß HWK-Betriebsexperte Hartmut Drexel. Trotzdem kann es klappen, wie Vater und Tochter Hain aus Rott am Inn bei Rosenheim beweisen.

Das Familienunternehmen Hain Industrieprodukte Vertriebs-GmbH hat sich auf hochwertig veredelte Naturholzböden spezialisiert und wird seit einem Jahr vom Vater-Tochter-Gespann geleitet. "Eine traumhafte Partnerschaft", betonen Susanne und Richard Hain einhellig. Wobei sich der Senior-Chef mit seinen 67 Jahren immer mehr aus der Geschäftsführung zurückziehen möchte.

"Ich bin stolz darauf, den Unternehmensnamen weiterführen zu dürfen", sagt die 27-jährige Tochter. Dass der Vater sie direkt nach dem Studium der Außenwirtschaft im Betrieb einband, wo er sie nach fünfjähriger Mitarbeit in sämtlichen Abteilungen in den Chefsessel hob, zeigt ihr "den hohen Vertrauensvorschuss". Nach einem Jahr auf gleicher Augenhöhe stellt Richard Hain, der mittlerweile "nur" noch für die Produktentwicklung zuständig ist, fest: "Die Übergabe läuft prima. Susanne ist ein absoluter Glücksfall für uns."

Erst der Betrieb, dann das Privatleben

Dass seine Tochter ihre Sache gut machen würde, daran hat der Senior nie gezweifelt. Ein wenig Sorgen haben ihm jedoch die vielfältigen Möglichkeiten bereitet, die sich einer gut ausgebildeten jungen Frau heute auf dem internationalen Arbeitsmarkt und in der Großindustrie bieten. Außerdem hatte die Tochter von klein auf miterlebt, "welche Opfer, welche Risiken, welcher Stress hinter der erfolgreichen Führung eines mittelständischen Unternehmens stehen", so Richard Hain: "Bei uns stand immer zu hundert Prozent der Betrieb im Mittelpunkt, erst dann kam das Privatleben."

Doch seine Tochter kehrte nach dem Hineinschnuppern in die große, weite Welt der Holzindustrie nach Hause zurück. Als spannende Herausforderung empfand sie die Möglichkeit, in die Geschäftsführung einzusteigen. "Mit 26 Jahren hätte ich nirgendwo anders eine solche Chance erhalten."

In nur einem Jahr hat Susanne Hain im Betrieb schon ihre Handschrift hinterlassen: Mit ihrem Namen ist ein innovatives Marketing verbunden, das Hain als Spezialanbieter für den anspruchsvollen Privat- und Objektbereich europaweit bekannt gemacht hat. Für 2007 sieht ihre Umsatzplanung neun Millionen Euro vor. 200 Mitarbeiter am Stammsitz in Rott, wo die Veredelung der Böden stattfindet, und im Sägewerk in der Slowakei, das Susanne Hain bereits als Alleingesellschafterin leitet, garantieren ein "gesundes Wachstum".

Dass der Übergang zur nächsten Generation so reibungslos funktioniert hat, liegt nach Einschätzung von Richard Hain an der Tatsache, "dass es mir nicht schwer fällt, abzugeben". Sein Rat: "Nicht klammern, sondern früh Verantwortungsbereiche an die Nachfolger weiterreichen." Schritt für Schritt wird er sich in den nächsten Jahren weiter aus dem Unternehmen zurückziehen ­ um "trotzdem immer zur Stelle zu sein, wenn mein Rat gebraucht wird".

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