Übernahmeschlacht um Arcelor

- Luxemburg/Paris - In der Übernahmeschlacht um den weltweit zweitgrößten Stahlkonzern Arcelor machen Luxemburg und Frankreich gemeinsam Front gegen den Branchen-Tycoon Lakshmi Mittal. "Wir stehen der feindlichen Übernahme feindlich gegenüber", sagte Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker am Dienstag. Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Thierry Breton kündigte die Mobilisierung der europäischen Politik an.

Arcelor-Chef Guy Dollé sucht unterdessen international nach einem industriellen Partner, um die vom Branchenführer Mittal Steel angestrebte Fusion abzuwehren. EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes kündigte eine genaue Überprüfung der geplanten Übernahme an.

Vor dem Luxemburger Parlament sagte Juncker nach einem Gespräch mit dem britisch-indischen Konzernchef von Mittal Steel: "Wir wollen es nicht, weil wir es nicht verstehen, und weil auch Herr Mittal es mir nicht kohärent und klar erklären konnte." Es gebe hingegen ein "klares Konzept von Arcelor und ich bin überzeugt, dass wir als Land und als EU damit besser fahren als mit Mittals Angebot."

Luxemburg wolle weiterhin "strategischer Partner in einer europäischen Gesellschaft bleiben", kündigte Juncker an. Seine Regierung sei entschlossen, alles zu tun, "damit erhalten bleibt, wofür wir gearbeitet haben". "Aber ich kann beim allerbesten Willen nicht versprechen, dass wir unsere Interessen am Schluss voll durchsetzen können." Luxemburg, mit 5,6 Prozent der größte bekannte Einzelaktionär von Arcelor, würde bei einem Verkauf seiner Anteile an Mittal einen Gewinn von etwa einer Milliarde Euro einstreichen. "Das wollen wir aber nicht machen", sagte Juncker.

Arcelor war 2001 aus dem Zusammenschluss von Arbed (Luxemburg), Usinor (Frankreich) und Aceralia (Spanien) entstanden. Der Konzern hat auch Standorte in Belgien und unterhält in Deutschland drei Werke mit 7500 Mitarbeitern. Arcelor selbst besitzt vier Prozent der Aktien und darf seinen Eigenanteil auf zehn Prozent steigern. Der Rest des Kapitals ist breit gestreut.

Breton erklärte vor der Nationalversammlung in Paris: "Wir werden laut und deutlich die Position der (europäischen) Regierungen zu Gehör bringen. Er habe die betroffenen Finanzminister kontaktiert, "wir sind einer Meinung." Nicht nur die Aktionäre hätten hier mitzureden, sagte Breton. Der Vorsitzende des Ausschusses für Wirtschaftsangelegenheiten der Nationalversammlung, Patrick Ollier, sagte nach einem Gespräch mit Mittal, der Konzernchef wolle "das bis zum Ende durchziehen". In Frankreich hat Arcelor 28 000 Mitarbeiter.

Juncker will an diesem Mittwoch mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac und Breton sowie Belgiens Regierungschef Guy Verhofstadt und den Chefs der Regionalregierungen von Wallonien und Flandern das weitere Vorgehen abstimmen. Mittal will in Brüssel mit EU-Wettbewerbskommissarin über mögliche kartellrechtliche Bedenken sprechen. Kroes sagte: "Wir werden uns das sehr genau ansehen."

Unterdessen sucht Arcelor nach einem Bündnispartner, um den Vorstoß von Mittal abzuwehren. "Eine Allianz erscheint mir aus Wettbewerbsgründen in Europa schwierig, aber auf internationalem Niveau eher möglich", sagte Arcelor-Chef Dollé der Pariser Finanzzeitung "La Tribune".

Marktexperten halten das Auftauchen eines so genannten Weißen Ritters, der mit einem Gegenangebot für Arcelor Mittal Steel abwehren könnte, für wenig wahrscheinlich. Am ehesten käme Nippon Steel in Frage, mit der Arcelor ein strategisches Bündnis eingegangen ist. Dollé hat nach eigenen Angaben Nippon Steel nicht wegen Mittal angesprochen, trifft den Chef des japanischen Konzerns aber turnusmäßig am Donnerstag und Freitag.

Konzernchef Mittal zeigte sich der "Tribune" gegenüber optimistisch, dass Luxemburg, Belgien, Frankreich und Spanien der Fusion keinen Stein in den Weg legen. "Wohl wissend, dass Arcelor eine Gesellschaft Luxemburger Rechts ist und 85 Prozent des Kapitals an der Börse notiert sind, sehe ich nicht, wie die Staaten sich einem nach den geltenden Regeln vorgelegten Angebot entgegenstellen könnten."

Den Befürwortern des Wirtschaftspatriotismus hielt er entgegen, dass Mittal Steel seinen Rechtssitz in Rotterdam habe. "Europa mit seiner Tradition des Familienkapitalismus müsste für die Schaffung von Werten durch Familien aufgeschlossen sein", sagte Mittal. "Mit 175 000 Mitarbeitern in 14 Staaten kennen wir uns mit allen Sozialsystemen von Kasachstan bis zu den USA aus."

Dollé sprach Mittal Steel dagegen ab, ein europäischer Konzern zu sein. Die Gruppe sei "hauptsächlich in Osteuropa, den USA und Südafrika" präsent. "Das ist keine Gesellschaft mit europäischer Kultur", sagte er. "Drei Viertel aller Fusionen gehen schief. Meistens aus Gründen unterschiedlicher Kultur."

Eine Fusion hätte nach Einschätzung von Experten kaum Auswirkungen auf die Werke der beiden Konzerne in Deutschland. "Bei der Produktion der beiden Unternehmen gibt es kein einziges Kilogramm der Überschneidung", sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dieter Ameling, der dpa. Mittal Steel beschäftigt in Deutschland in drei Werken rund 3000 Mitarbeiter.

Nennenswerte Rationalisierungen seien an den deutschen Standorten nicht zu erwarten, sagte Ameling. Der Betriebsrat der zum ArcelorKonzern gehörenden Bremer Stahlwerke warnte dagegen vor möglichen negativen Konsequenzen.

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