Überraschungscoup bei Siemens: Ein Unbekannter übernimmt das Steuer

- München - Der in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannte Pharma-Manager Peter Löscher wird neuer Chef des Siemens-Konzerns. Zum 1. Juli wird der 49-Jährige die Nachfolge von Klaus Kleinfeld antreten. Der gebürtige Österreicher steht vor einer schweren Aufgabe.

Nach dem überraschenden Karriere-Sprung ist sich Peter Löscher der Schwere und der Größe seiner neuen Aufgabe durchaus bewusst: "Ich reihe mich heute in die Reihe von 475 000 Siemensianern ein", sagte der 49-Jährige am Sonntag etwas pathetisch und sichtlich bewegt nach seiner Berufung zum neuen Siemens-Chef.

Auf dem Wittelsbacher Platz vor der noblen Konzernzentrale des krisengeschüttelten Konzerns in München riefen bei strahlendem Sonnenschein und drückender Hitze der neue Vorstandsvorsitzende Löscher, Aufsichtsratschef Gerhard Cromme und Berthold Huber von der IG Metall einen Neuanfang aus. Nach Monaten voller Skandale und Führungskrisen soll der Wechsel an der Spitze etwas Ruhe bringen.

Aufsichtsratschef Cromme ist der versprochene Überraschungscoup gelungen. Keiner der Namen, über die in den vergangenen Wochen als neuer Siemens-Chef spekuliert wurde, sei richtig, hatte er in einer E-Mail an die Aufsichtsratsmitglieder geschrieben. Weder Linde-Chef Wolfgang Reitzle, noch ThyssenKrupp-Vorstand Edwin Eichler oder der Haniel-Chef Eckhard Cordes. Mit dem Merck-Manager Löscher präsentierte er nun tatsächlich einen neuen Vorstandsvorsitzenden, mit dem nur wenige gerechnet haben.

"Löscher bringt aber vieles mit, was jetzt bei Siemens gebraucht wird", sagt ein Siemens-Kenner. Schließlich war der bereits für General Electric tätig, dem großen Siemens-Konkurrenten. Als Manager beim US-Pharmakonzern Merck hat er zudem schon Erfahrungen mit der mächtigen Börsenaufsicht SEC gemacht - wegen deren Ermittlungen sehen manche Siemensianer die Existenz des ganzen Konzerns in Gefahr. Zudem kommt Löscher aus der Gesundheitsbranche, einem der Wachstumsfelder, das sein scheidender Vorgänger Klaus Kleinfeld zu einem der großen "Megatrends" ausgerufen hatte.

Leicht ist seine Aufgabe nicht. Der neue Chef muss ohne eigene Hausmacht den Skandal-Konzern trotz enormer Fliehkräfte zusammenhalten, die Schmiergeldaffäre gnadenlos aufklären und nebenbei noch das operative Geschäft am Laufen halten. "Das ist ja eine fast schon nationale Aufgabe", hieß es durchaus mitfühlend bei einem anderen Münchner Dax-Unternehmen.

Alle Beteiligten betonten, dass die Mammutaufgabe nur gelingen kann, wenn jetzt alle an einem Strang ziehen. Man habe in den Gesprächen mit Löscher den Eindruck gewonnen, dass dieser "mit seiner Persönlichkeit in der Lage ist, die Führungskrise bei Siemens zu lösen und den Konzern in ruhigere Wasser zu führen", erklärten der Gesamtbetriebsratschef Ralf Heckmann und IG-Metall-Vize Berthold Huber. Löscher habe den Arbeitnehmervertretern zugesagt, dass es unter seiner Führung keine Kahlschlagpolitik geben wird.

Obwohl auch Löscher lange für US-Unternehmen tätig war, soll er in Sachen Führungsstil damit nicht unbedingt in die Fußstapfen seines Vorgängers Kleinfeld treten. Dieser galt als Prototyp eines vor allem in den USA modernen Managertyps, der ohne Sentimentalität Jobs streicht und Firmenteile verkauft.

Der Siemens-Aufsichtsrat wählte mit Heinrich Hiesinger auch einen Nachfolger für den unter Korruptionsverdacht stehenden Ex-Europa-Chef Johannes Feldmayer fest. Hiesinger, bisher Chef der Gebäudetechnik-Sparte, tritt am 1. Juni an.

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