Überraschungszug im Übernahmepoker

Deutsche Börse vor Milliardenkauf: - Nach einer langen Serie von Niederlagen im Übernahmepoker der Weltbörsen greift die Deutsche Börse jetzt nach der New Yorker Optionsbörse ISE. Rund zwei Milliarden Euro sollen für das Unternehmen geboten werden. Damit könnte die Deutsche Börse überraschend ein wichtiges Standbein im weltweit dominierenden US-Markt bekommen.

Frankfurt - Börsenchef Reto Francioni könnte am Ende doch noch auftrumpfen. Nachdem die Deutsche Börse im Übernahmepoker der Megabörsen jahrelang immer wieder kläglich gescheitert ist, setzt sie nun überraschend auf eine hierzulande kaum bekannte Karte. Rund zwei Milliarden Euro bietet sie für die auf Aktienoptionen spezialisierte International Securities Exchange (ISE) in New York.

Dies bedeutet einen Aufschlag von rund 50 Prozent auf den bisherigen ISE-Kurs. Die Chance: Erstmals würden die Frankfurter damit ein großes Standbein in den USA erhalten. Und zugleich könnte die Deutsche Börse ihre Stellung als weltweit führende Börse für Termingeschäfte stärken. Francioni spricht von einem "strategischen Meilenstein".

Die Börsen haben sich in den vergangenen Jahren massiv gewandelt. Während viele Anleger das Börsengeschäft noch mit dem Parketthandel zum Beispiel in Frankfurt verbinden, spielt sich der größte Teil des Geschäfts längst im elektronischen Handel ab. Dabei stehen Terminals auf der ganzen Welt verstreut, die Börsen stellen die Plattform. Doch auch die gehandelten Produkte haben sich verändert. Statt um Aktien geht es immer häufiger um abgeleitete Termingeschäfte wie Optionen oder Futures. Über solche Konstruktionen lassen sich mit kleinen Einsätzen große Gewinne erzielen - aber auch totale Verluste.

Diese Termingeschäfte erleben seit Jahren einen Boom. Sie sind auch die Voraussetzung vieler sogenannter strukturierter Anlageprodukte wie Bonus- oder Discount-Zertifikate, die gerade in Deutschland eine rege Nachfrage haben. Bei manchen Produkten wird dem Käufer zum Beispiel garantiert, dass er auch dann noch einen Gewinn erzielt, wenn die als Basis dienende Aktie leicht fällt. Aber auch manch ein Hedgefonds nutzt Terminkontrakte, um zum Beispiel von den niedrigeren Kauf- und Verkaufskosten beim kurzfristigen Handel zu profitieren.

Schon heute hat die Deutsche Börse über die Eurex, eine gemeinsame Tochter mit der Schweizer Börse SWX, den größten Terminmarkt der Welt. Im vergangenen Jahr wurden an ihr 1,5 Milliarden Kontrakte gehandelt. Zum Vergleich: Der elektronische Xetra-Handel brachte es auf 100 Millionen Handelsabschlüsse, der Parketthandel erzielte sogar nur einen Bruchteil des Xetra-Umsatzes. Auch in der Bilanz der Deutschen Börse wird die Bedeutung der Eurex sichtbar: Mit Eurex erzielte die Deutsche Börse einen in etwa doppelt so hohen Umsatz wie mit dem Xetra-Handel, höher lag nur noch die Abwicklungs-Sparte Clearstream.

So scheint die Fusion mit der International Securities Exchange zu passen - auch wenn sie weit weniger bekannt ist als traditionsreiche Börsen wie die New York Stock Exchange (NYSE) oder die London Stock Exchange (LSE). Ähnlich wie die Deutsche Börse hat die erst im Jahr 2000 gestartete ISE bereits frühzeitig auf den vollelektronischen Computerhandel gesetzt, während an anderen Börsen die Makler ihre Kurse noch übers Parkett riefen. Inzwischen hat die ISE rund 32 Prozent des Aktienoptionsmarktes der USA auf sich vereint.

Auch wenn die von der Deutschen Börse in den vergangenen Jahren versuchten Fusionen mit London oder Euronext alle gescheitert sind: Im Konkurrenzkampf der weltweiten Megabörsen positioniert sich die Deutsche Börse jetzt in einem weniger bekannten, aber besonders stark wachsenden Segment an der Spitze.

Die Partner im Steckbrief

Die International Securities Exchange in New York (ISE) ist nach eigenen Angaben die größte amerikanische Börse für Aktienoptionen. Mit ihrem Start im Jahr 2000 schuf sie die erste komplett elektronische US-Plattform für Aktienoptionen.

Bei Aktienoptionen werden nicht die Aktien selbst, sondern das Recht zum Kauf oder Verkauf von Aktien zu einem vorher festgelegten Preis gehandelt. Diese Geschäfte können deutlich risikoreicher als übliche Aktiengeschäfte sein, können aber auch zur Absicherung anderer Geschäfte dienen. In den vergangenen Jahren haben solche Termingeschäfte eine große Zunahme erfahren.

Gegründet wurde die ISE Ende der 90er-Jahre von einem Konsortium von Händlern. 2005 ging das Unternehmen selbst an die Börse und ist heute an der New York Stock Exchange gelistet. Im Jahr 2005 wurden 137,0 Millionen Dollar (rund 100 Millionen Euro) Gewinn erzielt, zum Jahresende 2005 hatte die Börse 185 Vollzeit-Mitarbeiter.

Die Deutsche Börse mit Hauptsitz in Frankfurt bietet die gesamte Prozesskette vom Aktien- und Terminhandel über die Abwicklung der Aufträge und die Bereitstellung der Marktinformationen bis zur Entwicklung und zum Betrieb der elektronischen Handelssysteme. Sie beschäftigt mehr als 2900 Mitarbeiter, die Kunden in Europa, den USA und Asien bedienen.

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