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Verkraften wir einen russischen Gas-Stopp? Das sagen die Spitzen-Forscher der Leopoldina

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Von: Jonas Raab

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2010 wurde die Pipeline Nord Stream 1 von Russland nach Deutschland gebaut
Zeitsprung ins Jahr 2010, als die Pipeline Nord Stream 1 gebaut wurde. Ob durch dieses Rohr weiterhin Gas von Russland nach Deutschland, ist angesichts des Ukraine-Kriegs so ungewiss wie nie. © picture alliance/dpa | Dmitry Lovetsky

Ein Aus für russische Gaslieferungen nach Deutschland ist angesichts des Ukraine-Kriegs nicht mehr ausgeschlossen. Doch welche Folgen hätte das? Eine Szenario-Analyse.

Berlin/Moskau/Halle - Kann Deutschland einen Stopp russischer Gaslieferungen verkraften? Diese Frage stellen sich angesichts des Ukraine-Kriegs derzeit viele Menschen. Allen voran Deutschlands Vizekanzler Robert Habeck, der einem Gas-Embargo von deutscher Seite vergangene Woche noch eine Absage erteilte, weil es hohe Energiepreise und „sozialen Unfrieden“ in Deutschland nach sich ziehen würde. Anfang dieser Woche allerdings, sorgte Russlands Vizeministerpräsident Alexander Nowak für eine neue Dynamik, als er unverhohlen mit einem Nord-Stream-1-Stopp von russischer Seite drohte. Die Ausgangsfrage blieb bis dahin unbeantwortet.

Nun haben sich elf Forscher der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina der Frage nach der Verkraftbarkeit eines Gas-Stopps angenommen und eine Ad-hoc-Stellungnahme veröffentlicht., die zu einem anderen Schluss als Habeck kommt: Die Wissenschaftler halten ein Embargo auf Erdgas aus Russland für die deutsche Volkswirtschaft und für Sozialschwache verkraftbar – nur sollte nach Ansicht der Forscher der nächste Winter nicht zu kalt werden, denn er ist die Schwachstelle aller Gas-Szenarien, egal welche Seite den Gashahn zudrehen sollte.

Ukraine-Krieg: So steht es um die Versorgungssicherheit bei Gas in Deutschland

Russlands Sanktionsgebärden gegen den Westen werden immer schärfer – und sind längst bei der Gas-Lieferung angekommen. Aus gutem Grund: Etwas mehr als die Hälfte des in Deutschland verbrauchten Erdgases wird aus Russland importiert. Derzeit sind die Speicher für Erdgas in Deutschland zu 27 Prozent gefüllt. Die Zahlen, die die Leopoldina-Forscher zu Beginn ihrer Analyse präsentieren, klingen nicht gut. Doch obwohl die Wissenschaftler eine große Versorgungslücke aufgrund der Kriegsgeschehnisse in der Ukraine, nicht minder große Belastungen für Bevölkerung und Wirtschaft und entscheidende Bedingungen für einen Importstopp ausmachen, kommen sie zu einem positiven Schluss: „Ein kurzfristiger Lieferstopp von russischem Gas wäre handhabbar.“

Aber wie? „Um auf einen möglichen Stopp russischer Erdgaslieferungen in die EU vorbereitet zu sein, sind Sofortmaßnahmen, eine mittelfristige Diversifizierung der Energieversorgung und eine Einbettung dieser Maßnahmen in einen Transformationspfad hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung notwendig.“ Heißt: Bei einem Gas-Embargo müsste sich einiges ändern.

Leopoldina-Studie: Kurzfristige Maßnahmen gegen ein russisches Gas-Embargo

Die Forscher fordern, das Energiesystem in Zukunft europäisch aufzustellen und nationale Strukturen ein Stück weit aufzubrechen. „Dabei sollten die EU-Mitgliedsstaaten vorangehen, deren Energieversorgung aktuell von Russland besonders abhängig ist“, schreiben die Wissenschaftler – und stellen konkrete Forderungen auf, die sich in drei Zeitphasen gliedern lassen. Kurzfristig soll das geschehen:

Leopoldina-Studie: Mittelfristige Maßnahmen gegen ein russisches Gas-Embargo

Neben diesen Sofortmaßnahmen, die in den kommenden Wochen und Monaten greifen müssten, um vor einem Engpass im kommenden Winter zu schützen, empfehlen die Leopoldina-Forscher auch mehrere mittelfristige Maßnahmen, die binnen eines Jahres umgesetzt werden sollen:

Leopoldina-Studie: Langfristige Maßnahmen gegen ein russisches Gas-Embargo

Zudem werfen die Forscher einen Blick in die Zukunft, denn – so ihr Fazit – die Klimaziele müssten bei der aktuellen Gas-Debatte immer im Hinterkopf sein. „Wichtig ist den Autorinnen und Autoren, den geplanten Kohleausstieg 2030 nicht in Frage zu stellen. Er hilft dabei, von russischen Kohleimporten, die 50 Prozent der Kohleeinfuhr nach Deutschland ausmachen, unabhängig zu werden“, heißt es auf der Leopoldina-Website. Das sind die langfristigen Empfehlungen der Forscher:

Die aktuelle Situation mache es erforderlich, den Umbau des Energiesystems noch energischer als bisher voranzutreiben, erklären die Leopoldina-Forscher – und wollen dafür auch Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck im Boot wissen: „Durch die unmittelbare Umsetzung eines Maßnahmenpakets könnten Engpässe vermieden und ihre wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen abgefedert werden“, schreiben sie. (jo)

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