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Gegen-Sanktionen: Russland droht Unternehmen mit drastischer Maßnahme - und schadet sich damit selbst

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Von: Jonas Raab

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Eine Ikea-Filiale in Moskau
Eine Ikea-Filiale in Moskau: Wie viele andere westliche Unternehmen hat das Möbelhaus mittlerweile seine russischen Standorte geschlossen. © picture alliance/dpa/EPA | Yuri Kochetkov

Russland bereitet Sanktionen gegen den Westen vor. Wirtschaftsexperten erwarten, dass Putin die Wirtschaft im eigenen Land noch mehr ruiniert als es der Ukraine-Krieg ohnehin tut.

Moskau - Devisenverbot, Gaslieferboykott und Enteignungen: Der Kreml droht den „unfreundlichen Ländern“ des Westens, die im Zuge des Ukraine-Kriegs harte Sanktionen gegen Russland erlassen haben, mit immer heftigeren Gegenmaßnahmen. Sollte Machthaber Wladimir Putin die angedrohten Sanktionen durchziehen, könnte er seinem Land einen Bärendienst erweisen, denn Experten erwarten, dass das die russische Wirtschaft ruiniert – und zwar dauerhaft.

Seit Montagabend (7. März) dreht sich das russische Sanktionsrad so schnell wie nie, seit Putin seine Truppen Richtung Kiew geschickt hat. Vize-Regierungschef Alexander Nowak sprach vom Recht der „spiegelgerechten“ Entscheidungen gegen den Westen und drohte insbesondere mit einem Gas-Embargo durch Stilllegen der Pipeline Nord Stream 1. Andrej Turtschak, Generalsekretär der Regierungspartei Einheitliches Russland, rief am selben Abend zur Nationalisierung der Russlandtöchter westlicher Unternehmen auf, wenn sie ihre Fabrikation in Russland stoppen. Sprich: Turtschak droht mit Enteignung.

Ukraine-Krieg: Westliche Unternehmen legen Fabriken in Russland lahm - der Kreml reagiert

Den Produktionsstopp, den viele internationale Unternehmen im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine vollzogen hatten, bezeichnete Turtschak als „vorsätzlichen Bankrott“ und Teil des „Sanktionskriegs“ des Westens. Wie die Enteignung dieser Unternehmen aussehen könnte, erklärte der für Wirtschaft zuständige Vizepremier Andrej Beloussow. Er drohte mit zwei Optionen.

Zum einen sprach sich Beloussow für beschleunigte Insolvenzverfahren für die Niederlassungen westlicher Unternehmen aus, die ihre Bänder jetzt stillstehen lassen. Das bedeutet wohl nichts anderes, als dass Insolvenzverwalter eingesetzt werden sollen, die die betroffenen Werke an Russen verkaufen sollen. Zum anderen schlug der russische Vizepremier ausländischen Firmen vor, ihre Werke in Russland aus den Mutterkonzernen auszugliedern und in eigenständige Firmen zu überführen und dann bisherigen russische Partnern zu übergeben.

Ukraine-Konflikt: Kreml droht Gegensanktionen an - „kalte Enteignung zum Dumpingpreis“

Das wäre eine „kalte Enteignung zum Dumpingpreis“. So zitiert das Handelsblatt einen nicht näher genannten Insider einer deutschen Firmen in Russland. Michael Harms, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, erklärt, dass viele russische Unternehmer und Wirtschaftsvertreter angesichts der Drohungen „entsetzt und schockiert“ seien.

Nils Schmid, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, ist der Meinung, dass sich Russland durch derartige Hauruck-Aktionen vor allem selbst schade. „Die angedrohten Gegensanktionen würden das Abkoppeln Russlands und seinen Weg in die wirtschaftliche Rückständigkeit noch weiter verstärken“, sagt er dem Handelsblatt.

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Insbesondere der angedrohte Nord-Stream-1-Stopp sorgt für Verwunderung, weil Russland seine Staatskasse faktisch allein mit seinen Energierohstoffen und deren Export füllt – und weil ein Nord-Stream-1-Embargo laut Russlandexperte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck taktisch „nicht nachvollziehbar“ wäre. Die Pipeline sei die einzige Leitung, die sowohl die Ukraine als auch das Nato-Land Polen umgehe, argumentiert Mangott. Er erwartet, dass eher noch die durch Polen führende Jamal-Pipeline oder der ukrainische Gastransit lahmgelegt werde. Was jetzt passiere, seien lediglich Drohungen, sagt er.

SPD-Außenpolitiker Schmid schlug im Handelsblatt in eine ähnliche Kerbe: Wenn Putin jetzt den Gasexport stoppe, verspiele der Kreml Vertrauen aus fünf Jahrzehnten als Lieferant. „Der Ruf als sicherer Versorger wäre ruiniert.“ Das habe dauerhafte Konsequenzen, die Russland finanziell nicht wollen kann. (jo)

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