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Ukraine-Krieg: Was bezweckt Putin mit dem Rubel-Zwang? Kreml-Chef verwirrt Westen

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Von: Matthias Schneider

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Russisches Erdgas
Putin will für sein Erdgas nur noch Rubel akzeptieren. Sein Vorhaben verwirrt den Westen. © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Wladimir Putin will für sein Erdgas nur noch Rubel akzeptieren – und erzeugt Verwirrung im Westen. Was der neue Schachzug des Kreml-Chefs bedeutet und welche Szenarien sich für Deutschland ergeben.

Moskau/München – Als Russlands Präsident Wladimir Putin am Mittwoch (23. März 2022) verkündete, dass er in sechs Tagen für russisches Erdgas von „feindlichen Staaten“ nur noch Rubel akzeptieren werde, gab es im „feindlichen“ Deutschland verwirrte Gesichter. Denn bisher gehörte es zu den schlagkräftigsten Sanktionen des Westens im Ukraine-Krieg, Russlands Vorräte an Dollar, Euro und Schweizer Franken einzufrieren. Die russische Landeswährung war deswegen im freien Fall und Putins Auslandskaufkraft enorm geschrumpft. Erhalten wurde sie größtenteils durch den Gashandel, der dem Kreml zuverlässig überlebenswichtige Devisen aus dem Westen brachte.

Ukraine-Krieg: Was will Putin mit Rubel-Zwang bezwecken?

Weshalb will Putin also plötzlich in seiner abgestürzten Landeswährung bezahlt werden? „Mit Blick auf die westlichen Devisen sollte es für Putin egal sein, ob Europa das Gas in Euro oder in Rubel bezahlt“, erklärt Jürgen Michels, Chefvolkswirt der BayernLB. „Im ersten Fall wird die Zahlung über Euro oder Dollar abgewickelt und die Empfänger in Russland können das dann in Rubel tauschen. Im zweiten Fall muss der Abnehmer in Europa vorab seine Euro in Rubel tauschen, um die Rechnung zu begleichen.“ Dieser Devisentausch müsste größtenteils über die russische Notenbank abgewickelt werden. „In beiden Fällen kommen Devisen nach Russland, die Putin braucht, um im Ausland einzukaufen und die Zinsforderungen aus Staatsanleihen zu bedienen“, sagt Michels. Doch während beim Gas-Kauf etwa in Euro die russische Währung nicht involviert wird, könnte die Umtausch-bedingte Nachfrage den Kurs des Rubels stützen.

Putin verwirrt den Westen mit seiner Rubel-Forderung

Laut dem Volkswirt kommt es jetzt darauf an, welche Verträge die russischen Gasanbieter Europa vorlegen: „Ökonomisch sinnvoll für Russland wäre es, die Preise festzulegen, wenn der Rubel gegenüber dem Euro schlecht steht, was ja gerade der Fall ist“. Denn: „Wenn dann der Außenwert der russischen Währung steigt – was durch den Zwangsumtausch für Gas-Käufe aus dem Westen ausgelöst werden könnte – steigt die Kaufkraft pro Kubikmeter Gas.“

Ukraine-Krieg: Putin braucht Geld - Rubel-Zwang als Lösung?

Michels erläutert es an einem Beispiel: Es werden 5000 Rubel für einen Kubikmeter Gas vereinbart. Bei den derzeitigen Wechselkursen entspräche das einem Wert von circa 50 Euro. Wenn der Kurs des Rubel um 50 Prozent steigt, müsste Europa 75 Euro pro Kubikmeter Gas bezahlen, ohne dass der Vertrag geändert wurde.“ Diese wertvolleren Rubel könne Putin dann bei seiner Zentralbank gegen mehr Devisen eintauschen. „Diese braucht er, um Zinsen und Rückzahlungen von Staatsanleihen zu bezahlen. Allein im April werden rund zwei Milliarden Euro fällig. Diese muss er begleichen, weil er sonst international als kreditunwürdig gilt“, erklärt Michels. Denn: „Nach dem Krieg wird Putin dringend Geld brauchen, um seinen Haushalt zu sanieren.“

Putins Plan mit seiner abgestürzten Landeswährung

Die Aufwertung des Rubels hätte auch eine psychologische Wirkung: „Es würde der Bevölkerung zeigen, dass ihre Währung gefragt ist. Wegen des Kurssturzes waren viele Russen aus dem Rubel in andere Werte geflohen, das schädigt auch das Vertrauen in den Staat.“ Wegen der vielen Sanktionen würde Russland beim Import aber wenig von einer stärkeren Währung profitieren, auch in der russischen Binnenwirtschaft hätte es nur geringe Auswirkungen.

Russlands neue Verträge: Wird sich der Westen darauf einlassen?

Für Politik und Energiehändler stellt sich jetzt die Frage, ob sie sich auf Putins neue Verträge einlassen wollen. Für die Versorger ist es jedoch erst einmal unerheblich, ob russisches Gas teurer wird oder auf dem europäischen Markt fehlt, erklärt Detlef Fischer, Chef des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserversorger: „Für Gaskunden hängt alles davon ab, wie die Versorger in der Vergangenheit eingekauft haben. Wer wie die meisten etablierten Energielieferanten Jahre im Voraus einkauft, ist vor kurzfristigen Preisspitzen gefeit.“

Probleme gebe es dann für Versorger, die darauf gepokert hatten, an den kurzfristigen Spotmärkten günstige Preise zu ergattern. „Die hohen Preise müssen an die Kunden weitergegeben werden. Wenn das wegen Vertragsbindungen nicht möglich ist, geht der Versorger möglicherweise insolvent. Das haben wir Ende 2021 mit einigen Discountanbietern erlebt“, warnt Fischer.

Ukraine-Krieg: Energiepreise historisches Hoch erreichen

Falls Putin vertragsbrüchig werde und im schlimmsten Fall die Lieferungen einstellte, könnte es jedoch an anderer Stelle Probleme geben: „Die Vorlieferanten, also jene, die das Gas an der Grenze ankaufen und an die Versorger weiterveräußern, geraten dann in eine Zwickmühle. Sie müssten sich an die alten, günstigen Tarife halten, die sie beispielsweise mit deutschen Stadtwerken abgeschlossen haben.“ Wenn die Importpreise zu sehr steigen, könnten die Vorlieferanten insolvent gehen. „Damit wären alle Abnahme-Verträge faktisch nicht mehr erfüllbar“, erklärt Fischer. Die Folge wäre eine Kaskade an Problemen: „Die Versorger müssten sich dann im freien Handel zu historisch hohen Preisen neu eindecken, die die Verbraucher – privat wie gewerblich – vor enorme Probleme stellen würden.“ Fischer warnt: Dieses Ergebnis würde uns – ebenso wie ein Gas-Embargo – mehr schaden als Putin.

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