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Ukraine-Krieg - Wirtschaftsweise Grimm warnt: „Müssen uns auf deutlich höhere Gas-Preise einstellen“

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Von: Thomas Schmidtutz

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Prof. Veronika Grimm: Die Wirtschaftsweise erwartet angesichts des Kriegs in der Ukraine weiter steigende Gas-Preise.
Prof. Veronika Grimm: Die Wirtschaftsweise erwartet angesichts des Kriegs in der Ukraine weiter steigende Gas-Preise. © Laurin Schmid/Sachverständigenrat

Die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm erwartet angesichts des Ukraine-Konflikts höhere Gas-Preise. Das machte die Expertin im Interview mit Merkur.de deutlich.

München – Die Wirtschaftsweise Prof. Veronika Grimm hat vor den Folgen eines möglichen Lieferstopps für russisches Öl und Gas gewarnt. Sollte es wegen des Ukraine-Konflikts* zu einer vollständigen Lieferunterbrechung kommen, könne es „mittelfristig auch zu Einschränkungen“ bei der Energieversorgung in Deutschland kommen, erklärte das Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung am Donnerstag gegenüber Merkur.de*.

Mit Blick auf die von den jüngsten Energiepreis-Anstiegen besonders betroffenen Unternehmen und Verbraucher sprach sich Grimm zudem für eine Senkung der Stromsteuer auf den europäischen Mindestsatz aus.

Frau Prof. Grimm, die Preise für Öl und Gas sind zuletzt kräftig gestiegen. Am Donnerstagmorgen ist Russland in der Ukraine einmarschiert. Wird Heizen und Autofahren jetzt noch teurer? 

Die Öl- und Gaspreise sind aktuell auf sehr hohem Niveau, mit einer Entspannung der Lage ist kurzfristig nicht zu rechnen.

Und mittelfristig?

Es ist natürlich schwer, den Verlauf der Krise* vorherzusehen. Es ist aber möglich, Szenarien durchzuspielen zur Gasversorgung. Deutschland bezieht deutlich mehr als die Hälfte seiner Erdgasimporte aus Russland. Die weiteren Hauptlieferanten für Erdgas sind Norwegen mit 27 Prozent und die Niederlande mit 21 Prozent. Die Füllstände der Gasspeicher liegen bei gerade einmal 35 Prozent der möglichen Auslastung und somit deutlich unter den Füllständen vor einem Jahr. Aktuell hat das milde Wetter und gute Bedingungen für die Erneuerbaren geholfen, so dass die Speicherstände weniger schnell weiter gesunken sind als zunächst befürchtet. Die Versorgung dürfte auch im Fall eines Lieferstopps eine Weile sichergestellt sein.

Und wenn NordStream 2 tatsächlich nicht in Betrieb geht?

Der Stopp von NordStream 2 beeinträchtigt die Versorgung zunächst nicht, da die Kapazität der restlichen Leitungen ausreichend ist für die vertraglich vereinbarten Liefermengen. Wenn aber aufgrund der Kriegshandlungen die Pipelines ausfallen, die durch die Ukraine verlaufen, gibt es Beschränkungen. Diese können durch Gaslieferungen aus anderen Staaten kompensiert werden. Aber bei einem kompletten Lieferstopp aus Russland dürften die verfügbaren Gasmengen zur Substitution nicht ausreichen. Dann könnte es mittelfristig auch zu Einschränkungen kommen, also beispielsweise zu Stillständen in der Produktion. Es ist auf jeden Fall eine gute Idee, die erneuerbaren Energien beschleunigt auszubauen und Wasserstoffimporte vorzubereiten, um Abhängigkeiten mittelfristig zu reduzieren.

Die Entwicklung trifft ja nicht nur die privaten Haushalte, sondern auch die Unternehmen. Gerade Energie-abhängige Branchen wie Chemie, Stahl-Industrie Papier oder Zement bekommen die steigenden Energiepreise mit voller Wucht zu spüren. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die deutsche Wirtschaft?

Steigende Gaspreise belasten die Unternehmen. Allerdings haben viele große Verbraucher langfristige Verträge. Sie sind dann nur für zusätzliche Bedarfe von den aktuell hohen Großhandelspreisen betroffen.

Nach einer aktuellen BDI-Umfrage im Mittelstand sehen zwei von drei Unternehmen die hohen Energie-Preise inzwischen als große Herausforderung. Immerhin jedes fünfte Unternehmen denkt sogar über mögliche Produktionsverlagerungen nach. Die Bundesregierung will die EEG-Umlage bereits zum Halbjahr streichen. Reicht das?

Diese Antwort hätten Sie auch unabhängig von der aktuellen Krise im Osten bekommen. Die Strompreise sind hoch, gerade für die energieintensive Industrie. Die Diskussion, wie man langfristig die Transformation stemmen kann, ist ja im vollen Gange. Aber es wird natürlich dauern, bis wir fossile Energieträger etwa durch Wasserstoff und synthetische klimafreundliche Energieträger ersetzt haben. Es wird eine Anpassung des Ordnungsrahmens brauchen, eine Senkung der Abgaben und Umlagen, Ausbau der Infrastrukturen für Strom und Wasserstoff und an einigen Stellen auch Subventionen.

Aber wie kann man Unternehmen und Verbraucher konkret entlasten?

Die Bundesregierung hat am Mittwoch bereits ein umfangreiches Paket verabschiedet, das vor allem die Haushalte unmittelbar entlastet. Das ist sinnvoll, da nicht so schnell mit einem Rückgang der Energiepreise zu rechnen ist. Die Abschaffung der EEG-Umlage ist ein wichtiger Schritt. Man sollte zusätzlich die Stromsteuer auf das europäische Minimum von 0,05 Cent je Kilowattstunde für Unternehmen und 0,1 Cent für Haushalte reduzieren. Das wären Maßnahmen, die entlasten und gleichzeitig die Sektorenkopplung befördern, also die Nutzung von zunehmend erneuerbarem Strom in den Sektoren Wärme und Mobilität sowie der Industrie. Außerdem spart man Bürokratie bei der Abrechnung der EEG-Umlage ein, das ist ein weiterer Vorteil. Ebenso zielführend sind auch die Heizkostenzuschüsse und die Zahlungen für Hartz-IV-Empfänger. Es muss nun darauf ankommen, die Belastungen für Menschen mit niedrigem Einkommen zu senken. Von daher halte ich Maßnahmen wie die Anpassungen der Pendlerpauschale nicht für zielführend.

Im Kampf gegen mögliche Versorgungsengpässe hat das IW gerade vorgeschlagen, eingemottete Kohlekraftwerke aus der Reserve zu holen. Wie sinnvoll wäre ein solcher Schritt?

Wenn es wirklich zu Engpässen kommt, dann müssen wir über alle Optionen nachdenken. Aber da sind wir aktuell noch nicht. Es wäre zudem zielführender, die Engpässe über eine Diversifikation der Bezugsquellen für Gas zu lösen und mittelfristig auch über Importe von Wasserstoff. Es kann aber natürlich passieren, dass die verfügbaren Mengen im Fall eines Lieferstopps aus Russland nicht ausreichend sind.

Um die Lage bei der angespannten Gasversorgung in den Griff zu bekommen, will die EU die Lieferung von Flüssig-Gas (LNG) ausweiten. Kann das wirklich eine Alternative in einem Land wie Deutschland sein, wo es noch nicht einmal ein eigenes LNG-Terminal gibt?

Ja, das ist der richtige Weg. Wir müssen darauf hinarbeiten, eigene Infrastrukturen aufzubauen. LNG-Terminals können auch mittelfristig für den Import Wasserstoff und erneuerbaren Energieträgern genutzt werden – sind also eine Investition in die Zukunft. Die Pläne, solche Terminals zu bauen, sind wichtig und richtig.

Im Vergleich zu herkömmlichem Gas ist LNG aber mehr als doppelt so teuer. Müssen wir uns in Deutschland zumindest beim Gas mittelfristig auf deutlich höhere Preise einstellen?

Ja, definitiv. Schon vor der aktuellen Krise wurde viel über die Diversifikation der Gasabhängigkeiten nachgedacht, allerdings auf längeren Zeitachsen und mit Blick auf den Wechsel hin zu Wasserstoff und klimafreundlichen Energieträgern. Die Preise werden zwar wieder unter das aktuell sehr hohe Niveau sinken. Wann das passiert kann aber Stand jetzt niemand sagen.

Die Inflation ist zuletzt in Deutschland, Europa und auch den USA deutlich gestiegen, nicht zuletzt auch wegen der hohen Energiepreise. Ihr Kollege Volker Wieland sieht im Jahressschnitt eine Inflationsrate von gut vier Prozent. Teilen Sie diese Einschätzung oder könnte die Inflationsrate angesichts der Ukraine-Krise nun womöglich noch stärker nach oben gehen?

Wir werden für 2022 mindestens eine 4 vor dem Komma sehen.

Alle News zum Ukraine-Konflikt finden Sie in unserem Live-Ticker. *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA

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