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Ukraine-News: Henkel, Thyssen-Krupp, Gea: Diese deutschen Unternehmen halten an Russland-Geschäft fest

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Von: Fabian Hartmann

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Noch immer halten auch deutsche Firmen an Geschäften mit Russland fest. Die Gründe sind vielfältig. Doch der Druck auf sie wächst – auch wegen eines US-Professors.

München – Der Ukraine-Konflikt trifft Deutschlands Wirtschaft hart – vor allem die Unternehmen, die auch in Russland aktiv sind, geraten unter Druck. Ist es vertretbar, mit einem Land, das einen Angriffskrieg führt, Geschäfte zu machen? Nein, sagt der Wirtschaftsprofessor Jeffrey Sonnenfeld von der US-Elite-Universität Yale.

Der Wissenschaftler hat mit seinem Team eine Liste mit rund 1000 internationalen Unternehmen erstellt, die täglich aktualisiert wird und zeigt, wer im Land noch aktiv ist. Als Grundlage dienen Meldungen und Presseberichte. US-Medien sprechen bereits von einer „Hall of Shame“, also einer Liste der Schande. „Die Öffentlichkeit ist zunehmend irritiert darüber, welche Firmen sie feiern soll und für welche sie sich schämen muss“, wird Forscher Sonnenfeld im Handelsblatt zitiert. Das Verhalten der Unternehmen wird nach US-Schulnoten (A bis F) bewertet.

Krieg in der Ukraine: Telekom zieht sich zurück – nachdem sie auf Yale-Liste stand

Fakt ist: Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat Fragen nach Moral und Ethik neu entfacht. Nicht nur politisch – sondern auch im Business-Kontext. Und die Unternehmen finden darauf unterschiedliche Antworten. Der Autobauer Mercedes-Benz etwa kappte seine Verbindungen nach Russland und stellte Lieferungen in das Land ein. Auch die Telekom hat ihren IT-Standort in St. Petersburg geschlossen – allerdings einen Tag nachdem das Unternehmen auf der Liste des Yale-Professors erschienen ist. Bloß Zufall? Der Bonner Konzern verneint, dass der Rückzug etwas mit der Auflistung zu tun habe. Doch nach Handelsblatt-Informationen habe es bei Führungskräften sehr wohl Sorge vor einem Imageschaden gegeben.

Russlands Präsident Wladimir Putin
Droht mit Enteignung: Russlands Präsident Wladimir Putin © Alexander Zemlianichenko/dpa

Einen (geplanten) Rückzieher vermeldet auch BASF. Der weltgrößte Chemiekonzern will wegen des Kriegs in der Ukraine den größten Teil seiner Geschäfte in Russland und Belarus bis Anfang Juli 2022 einstellen. Eine Ausnahme bilde das Geschäft zur Unterstützung der Nahrungsmittelproduktion, teilte der Dax-Konzern am Mittwoch (27. April) mit. Denn der Krieg berge das Risiko, eine weltweite Nahrungsmittelkrise auszulösen. Bereits Anfang März hatte BASF bekannt gegeben, in beiden Ländern keine neuen Geschäfte abzuschließen.

Krieg in der Ukraine: Metro hält am Standort Russland fest – „Verantwortung für russische Kollegen“

Doch nicht alle Unternehmen sind bereit, ihre Beziehungen nach Russland abzubrechen. Die Großhandelskette Metro erwirtschaftet mit ihren 93 russischen Märkten ein Zehntel des Konzernumsatzes. CEO Steffen Greubel schrieb an die Mitarbeiter, dass das Unternehmen „eine Verantwortung für die russischen Kollegen“ habe. Es gehe um die Arbeitsplätze von 10.000 Menschen und das Geschäft von 2,5 Millionen Betrieben. Ähnlich argumentiert die Supermarktkette Globus.

Laut Yale-Liste halten insgesamt noch neun deutsche Unternehmen an ihrem Russland-Geschäft fest. Neben Globus und Metro zählen dazu DMK (Deutschlands größte Molkerei), Storck (Süßigkeiten), die Simba-Dickie-Gruppe (Spielzeug), die Industriekonzerne Thyssen-Krupp und Gea sowie Liebherr (Kühlschränke) und Henkel. Auch der Chemie-Gigant Bayer liefert weiterhin Produkte aus den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft nach Russland. Die Begründung aus Leverkusen: „Dieser sinnlose Krieg fordert bereits sehr viele Menschenleben. Wir dürfen die Zahl nicht noch weiter erhöhen, indem wir den Menschen lebenswichtige Produkte vorenthalten“, heißt es.

Krieg in der Ukraine: Russland droht westlichen Firmen mit Enteignung

Konsequenter waren der Schuhhändler Deichmann, Discounter Aldi und der Lebensmittelhersteller Dr. Oetker. Sie haben sich komplett aus Russland zurückgezogen, dafür erhielten sie auch in der Yale-Liste die beste Schulnote (A). Allerdings: Ein solcher Schritt ist zugleich ein wirtschaftliches Risiko. Die russische Regierung droht den Unternehmen inzwischen unverholen mit Enteignung. Jede Einstellung des Betriebs werde auf Anzeichen einer absichtlichen oder Schein-Insolvenz untersucht. Außerdem kündigte Russland an, die Produktionsstätten in Staatshand zu überführen.

Die russische Androhung ist eine Reaktion auf die Sanktionen des Westens – unter die allerdings auch heimische Unternehmen fallen. Ihnen ist es verboten, in Russland mit Kunden und Lieferanten zusammenzuarbeiten, die sanktioniert sind. Insofern ist auch die Fortführung des Geschäfts vor Ort risikoreich. Doch was ist, wenn zuvor millionenschwere Investitionen getätigt wurden?
Beispielhaft ist hierfür der Landmaschinenhersteller Claas, der 150 Millionen Euro in seinen Standort im Süden Russlands gesteckt hat – und der an seinem Engagement festhält.

Krieg in der Ukraine: SAP steht in der Kritik – und rudert zurück

Es ist also kompliziert. Wie schnell es geht, zwischen die Fronten des Ukraine-Kriegs zu geraten, hat SAP – Deutschlands wertvollster Dax-Konzern – erlebt. Offiziell teilte das Unternehmen mit, die Sanktionen des Westens zu unterstützen, ein Rückzug war angekündigt. Dann enthüllte die ukrainische Online-Zeitung The Kyiv Independent aber, dass der SAP-Vorstand russischen Kunden einen Transfer von Cloud-Daten anbot.

Wollte SAP also vordergründig die Politik des Westens unterstützen – hintenrum aber die Geschäftsbeziehungen weiter pflegen? Inzwischen ruderte SAP zurück. Man werde sich in einem „geordneten Ausstieg“ vollständig aus Russland zurückziehen, teilte das Unternehmen mit. Sowohl das Neukunden-, als auch das Bestandskundengeschäft werde eingestellt.

Wann das sein wird? Dazu hält sich SAP bedeckt. „Wir prüfen derzeit verschiedene Optionen, wie sich diese Entscheidung umsetzen lässt“, heißt es lediglich.

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