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Steht das nächste Börsen-Beben bevor? Beim Notenbanker-Treff in Jackson Hole werden in diesen Tagen die Weichen für die künftige globale Geldpolitik gestellt.

Zentralbanken

„Die ultra-expansive Geldpolitik in Europa geht weiter“

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München – Die Währungshüter der Welt kommen aus dem Ausnahmezustand nicht heraus. Wir sprachen mit Jürgen Michels, dem Chefvolkswirt der BayernLB, über die Geldpolitik der Zentralbanker und ihre Folgen für Sparer.

Selbst die mächtige US-Notenbank Fed kann den Niedrigzinsen kaum ein Ende bereiten. Beim legendären Branchentreff in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming suchen die Banker nach Auswegen. Wir sprachen mit Jürgen Michels, dem Chefvolkswirt der BayernLB, über die Geldpolitik der Zentralbanker und ihre Folgen für Sparer.

-Seit der Finanzkrise sind die Notenbanken im Krisenmodus. Die amerikanische Notenbank Fed hat den ersten Schritt zur Abkehr im Dezember getan und die Zinsen erhöht. Ist das der richtige Weg?

Jürgen Michels: Das war in der Tat ein wichtiger Schritt, um zur Normalisierung zurückzukehren. Gleichzeitig hat dieser Schritt aber auch gezeigt, dass der Weg nicht einfach wird. Selbst die Fed hat große Probleme, zu Zinssätzen zurückzukehren, die wir vor der Finanzkrise hatten.

-Beim Branchentreffen in Jackson Hole wird Fed-Chefin Janet Yellen heute wohl den Kurs für die weitere amerikanische Geldpolitik abstecken. Womit rechnen Sie?

Jürgen Michels.

Michels: Es ist schwer zu sagen, wann genau die Fed erneut die Zinsen erhöht. Wir gehen erst im kommenden Jahr davon aus. Das Wirtschaftswachstum in den USA ist schwach. Dazu kommen große Unsicherheiten auf den Finanzmärkten – auch aufgrund der noch ausstehenden Umsetzung des Brexit. Es wird kleine Zinsschritte in den kommenden Jahren geben, sodass erst 2020 ein vergleichbares Zinsniveau wie vor der Finanzkrise erreicht sein wird – also um die drei Prozent.

-Auch wenn die Fed die Zinsen nur langsam erhöht. Die Zinswende ist eingeleitet. Die Europäische Zentralbank (EZB) und andere Notenbanken verfolgen eine völlig andere Geldpolitik. Sie fluten die Märkte weiter mit billigem Geld. Ist es auch für sie nun Zeit, zur Abkehr vom Niedrigzins?

Michels: Die Frage ist: Wie sieht es in den einzelnen Ländern wirtschaftlich aus? In Japan, aber auch in Europa ist die Wirtschaft schwächer als in den USA. Die Inflation ist noch niedriger. Deshalb wird man sich hier nicht so schnell von der ultra-expansiven Geldpolitik verabschieden. Ich denke, wir werden von der Bank of Japan, der Bank of England und der EZB sogar noch weitere Lockerungsmaßnahmen sehen. Die EZB könnte bereits im September aktiv werden.

-Wie sehen solche Lockerungsmaßnahmen aus?

Michels: Ich denke nicht, dass die Leitzinsen noch weiter sinken werden. Es bleibt wohl bei einem negativen Einlagesatz von minus 0,4 Prozent und bei einem Hauptrefinanzierungssatz von null Prozent. Aber die EZB könnte im September zum Beispiel ankündigen, ihr Anleihen-Kaufprogramm statt bis März bis September 2017 fortzuführen. Auch die untere Schranke für Anleihenkäufe, die momentan bei minus 0,4 Prozent liegt, könnte wegfallen. Das hätte einen weiteren massiven Rückgang bei der Rendite für Bundesanleihen mit kürzeren Laufzeiten zur Folge.

- Wie wirkt sich das auf Sparer aus?

Michels: Es wird noch einmal schwieriger, auf risikoarme Anlagen eine positive Rendite zu bekommne. An dieser Tatsache wird sich wohl leider in den kommenden Monaten und Jahren nichts ändern. Wir gehen davon aus, dass die EZB die Zinsen noch einige Jahre niedrig halten wird.

-Welche Folgen hat es, wenn die Notenbanken der Welt eine so unterschiedliche Geldpolitik verfolgen?

Michels: Wir werden in den kommenden Jahren eine weitere Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar sehen. Ende 2017 könnte es zu Kursen unterhalb der Parität kommen. Die Differenz bei den Renditen zwischen US- und Euro-Raum wird wachsen.

-Wer profitiert von dieser Entwicklung? Und wer sind die Verlierer?

Michels: Die europäische Exportindustrie kann gewinnen. Auf der anderen Seite haben in Europa alle, die auf Zinseinkünfte angewiesen sind, ein Problem. Das sind zum Beispiel die Sparer aber auch der Banken- und Versicherungssektor.

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