Der Umbau einer ganzen Volkswirtschaft

München - Privatisieren, sanieren, abwickeln – der Auftrag der Treuhandanstalt war klar: Die Überführung des „volkseigenen Vermögens“ der ehemaligen DDR in die soziale Marktwirtschaft bundesdeutscher Prägung.

Heute vor 20 Jahren wurde die Treuhand gegründet. Hier ein Rückblick auf die einst größte Privatisierungsbehörde der Welt: Fast übersieht man das kleine Schild mit der Aufschrift BvS an dem Berliner Bürogebäude in der Schönhauser Allee. Allenfalls das blau-grüne Logo erinnert daran, dass hier die Reste der einst größten Privatisierungsbehörde der Welt verwaltet werden. Von der Treuhandanstalt und Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS), die nach der Wende Tausende ehemaliger DDR-Betriebe saniert, privatisiert oder abgewickelt haben, sind 20 Jahre später nur noch zwei unscheinbare Büroräume im Prenzlauer Berg übrig. Kein Vergleich zum einstigen Stammsitz der Mammutbehörde an der Wilhelmstraße, wo inzwischen das Bundesfinanzministerium residiert und bis 1945 Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium untergebracht war. Vergessen auch Massen-Demonstrationen gegen die viel beschimpfte Treuhandanstalt, Untersuchungsausschüsse, Hungerstreiks und die Ost-West-Streitereien um den Komplettumbau einer ganzen Volkswirtschaft. Keine andere Institution bestimmte die Geschicke in den neuen Ländern so wie die „Breuel-Behörde“.

In den ersten vier Nachwende-Jahren war sie quasi eine zweite Regierung im Osten. Bei allen bis heute andauernden Debatten um Aufstieg und Niedergang ostdeutscher Firmen wird oft vergessen, dass die Treuhand eine Idee der untergehenden DDR war. Das weltweit einmalige Experiment in der Wirtschaftsgeschichte hatte am 1. März 1990 seine Geburtsstunde, wenige Tage vor den ersten freien Wahlen in der DDR. Die letzte SED/PDS-Regierung unter Hans Modrow beschloss die Gründung einer Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums. Bis zu ihrer Auflösung Ende 1994 musste die Treuhandanstalt für alle Unternehmen eine Lösung gefunden haben: Von weit mehr als 10 000 Betrieben, die sie zu verwerten und verwalten hatte, stand am Ende nur noch ein kleiner Rest zum Verkauf. Neue Eigentümer mussten auch für Häfen, Wälder, Kinos, Villen, Stadien, Agrarbetriebe, Parteien- sowie Stasi- und NVA-Vermögen, Ferienheime und Zirkustiere gefunden werden. Unrecht auch aus der NS-Zeit musste wiedergutgemacht werden. Schon die Arbeit ab 1995 – unter dem neuen Namen „Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben“ – fiel weniger spektakulär aus.

Einige Aufgaben wie der Immobilienverkauf wurden ausgegliedert. Privatisiert, saniert und abgewickelt wurde im Grunde seit Ende 2000 nicht mehr. Inzwischen hat auch die BvS ihre Treuhand-Aufgaben größtenteils erledigt. Seit 2004 befindet sie sich selbst in Abwicklung und besteht nur noch als Rechts- und Vermögensträgerin – Abwickler ist seit Juli 2008 die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Das letzte Kapitel von der Abwicklung der DDR-Wirtschaft ist aber noch nicht abgehakt. Geschäftsbesorger der BvS treiben immer noch Geld säumiger Schuldner ein, überwachen Verträge aus alten Treuhand- und BvS-Zeiten, löschen letzte Spuren von DDR-Firmen oder plagen sich mit seit Jahren strittigen Anträgen auf Vermögensrückgabe herum. In Handelsregistern schlummern noch etwas mehr als 30 Ex-VEB (volkseigene Betriebe) oder bloße Firmenhüllen, die zu löschen sind. Ende 2009 mussten noch etwa 60 Vertragsverpflichtungen – Arbeitsplatz-, Investitions- und Kaufpreiszusagen – überwacht werden. Letzte Kaufpreiszahlungen für Ost-Firmen werden erst im Jahr 2040 fällig.

Von Andre Stahl

Rubriklistenbild: © dpa

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