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Finanzexperten haben unterschiedliche Ansichten zum Thema Digitalisierung. Der Bundestagsabgeordnete Alexander Radwan (links) sieht Themen wie Datenschutz und Kartellrecht dabei auch im Fokus.

Digitalisierung

Finanzforum "Privatbanken": Umbruch verändert die Bankenwelt

Die Digitalisierung wird die Finanzbranche stark verändern. Revolution? Viel Gutes für die Institute und die Kunden? Oder doch eine Bedrohung? Experten haben hier differenzierte Ansichten.

So genannte Fintechs, hoch technologische Dienstleister, nehmen den Instituten viel Alltagsarbeit ab. Eventuell auch Teile des Kerngeschäftes? „Der Markt verändert sich gerade sehr stark“, beobachtet Dr. Marcus Lingel (Merkur Bank). Er sieht darin Chancen: „Fintechs helfen, viele Prozesse effizienter, günstiger und schlanker zu gestalten“, sagt Lingel beim Finanzforum „Privatbanken“ von Münchner Merkur tz.

Die Digitalisierung sei ein „Hilfsmittel, um die Qualität der Kundenbetreuung zu verbessern“, meint Martin Schießwohl (HypoVereinsbank). „Der persönliche Kontakt zum Kunden wird aber noch wichtiger.“ „Die Digitalisierung sehen wir als Unterstützung, Dinge zu vereinfachen, die vorher sehr aufwändig waren“, betont Murat Sentürk (DZ Privatbank). Es gehe darum, die Beratung auszubauen. „Die Digitalisierung wird niemals das persönliche Gespräch ersetzen“, ist Sentürk überzeugt. Dem pflichtet Stefan Geib (Commerzbank) bei: „Das vertrauensvolle Gespräch wird zentral bleiben. Der Weg zur Bank wird mehr von Digitalisierung geprägt, am Ende steht aber weiterhin der persönliche Beratungsprozess.“

Diese optimistische Sichtweise trübt ein Experte aus der Sicht des externen Branchenbeobachters: Uwe Gerstenberg (consulting plus) berät Unternehmen in Sicherheitsfragen, speziell auch mit Blick auf digitale Themen. Zugleich ist Gerstenberg Vorsitzender des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft Zukunft und Sicherheit. „Ihre Konstruktion von Bank wird es so in zehn Jahren nicht mehr geben“, hält der Experte den Branchenvertretern entgegen. „Damit sind viele neue Möglichkeiten und Herausforderungen verbunden, um neue Geschäftsmodelle in der Branche zu etablieren.“

Finanzexperten haben unterschiedliche Ansichten zum Thema Digitalisierung. Der Bundestagsabgeordnete Alexander Radwan (erstes Bild, links) sieht Themen wie Datenschutz und Kartellrecht dabei auch im Fokus. Fotos: Klaus Haag Sein Argument: Die Giganten des Internet rollen den Markt mit eigenen Lösungen auf: Amazon arbeite an Bezahlsystemen mit Kreditfunktion, Facebook an Gehaltszahlungen von Unternehmen an Mitarbeiter, Google an Kreditangeboten. Crowdfunding bietet Kreditnehmern und Kapitalgebern Märkte jenseits von Banken. Die müssten darauf reagieren, indem sie in ITUnternehmen investieren und Kooperationen mit FinTech Unternehmen eingehen, die die passenden Strukturen für eine Antwort auf die Herausforderung haben, „um nicht zur verlängerten Werkbank der Großen zu werden“.

Thomas Nerlinger (Donner & Reuschel) sieht in der Digitalisierung eine Chance mit dem wesentlichen Ziel, das Leistungsangebot aus Kundensicht deutlich zu verbessern. Dies sei durch strategisch wichtige und richtige Kooperationen umsetzbar. Innovationen sind Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit. Durch technisierte Abläufe, so genannte Robo-Tätigkeiten würden ganze Abläufe wegfallen, merkt Michael Krume (Merck Finck) an. „In der Symbiose von alter Welt und neuen Möglichkeiten der Fintechs liegt die Zukunft.“ Deshalb schaue man sich mögliche Partner genau an.

„Wir müssen auf die nächste Generation zugehen“, meint Christian Janas (UBS) und nennt als ein Hindernis die Kontoeröffnung. Hier seien derzeit 17 Unterschriften nötig. „Das muss künftig mit einer möglich sein“; die Zukunft liege in der digitalen Identifikation. Martin Huber (Deutsche Bank) betont ebenfalls, dass Banken die digitale Entwicklung aufgreifen müssten. In seinem Hause erprobe man viel in so genannten Kunden- Labs. Insbesondere müssten Zugänge über viele Kanäle ermöglicht werden. Aber die Beratung komplexer Vermögen werde auch künftig persönlich geschehen mit vertrauensvollen Beratern. „Fintechs dienen hier der Kooperation, nicht als Konkurrenz.“

Silke Wolf (Bayerischer Bankenverband) geht ebenfalls davon aus, dass es bei komplexen Themen auch künftig eine intensive Beratung geben werde. Für Fintechs fordert sie, dass „gleiche Regeln für alle“ gelten müssten. Ausländische Anbieter müssten Niederlassungen und Geschäftsführer in Deutschland etablieren, „damit sie auch haftbar gemacht werden können“. Dem stimmt Thomas Jäger (Hauck & Aufhäuser) zu: „Wir brauchen Regelungen für alle, die hier am Markt tätig sind.“

Alexander Radwan (CSU), Mitglied des Deutschen Bundestages und Finanzexperte, sieht indes sehr wohl die Gefahr, dass ausländische Konzerne die Bankenwelt beeinflussen werden. „Die Frage ist: Wer hat die Kunden?“ Der Internetkonzern Google verfüge da über bessere Kundeninformationen als Banken. „Google und andere Konzerne haben zukünftig mehr Wissen und können damit besser beraten.“ Deutsche Unternehmen, eben auch Banken, müssten daher die Digitalisierung mehr mitgestalten als bislang. Radwan spannt den Bogen aber noch weiter: Die eigentlichen Themen seien der Datenschutz und das Kartellrecht. „Wie lässt sich das Datenmonster Google knacken?“ Hubert Weigand (Deutsche Bank) verweist auf große Datenmengen, die aber auch den Banken zur Verfügung stünden. Die müsse man nutzen, um neues Geschäft zu erschließen. „Wir können fokussierter Kunden ansprechen. Das ist eine große Chance für uns.“ Der Kunde lasse sich nicht belehren, entgegnet hier Dr. Hubert- Ralph Schmitt (Bank Schilling): „Gute Fintechs werden sich durchsetzen, der Kunde hat hier die Macht.“ Banken müssten neue Wege finden, wie sie an die Kunden kommen. „Ab einer bestimmten Größenordnung werden sie aber Beratung in Anspruch nehmen“, glaubt denn auch Schmitt. Jürgen Wörl (Julius Bär) beobachtet zudem noch eine andere Entwicklung: „Gerade mit Zunahme der Digitalisierung steigt auch die Wertschätzung und der Wunsch nach einem persönlichen Dialog zwischen Kunde und Bankberater.“

Kaum Kooperationen von Banken mit FinTechs

FinTechs, also Unternehmen mit digitalen Finanzdienstleistungen, spielen für Banken bei der Digitalisierung des Kreditgeschäfts kaum eine Rolle. Nicht einmal jedes zehnte Institut setzt auf strategische Kooperationen mit einem FinTech. 14 Prozent der Institute haben Fin- Techs zumindest teilweise in ihre Digitalstrategie für das Privatkundengeschäft einbezogen. Im Firmenkundengeschäft scheinen die Banken etwas weiter zu sein. Dort setzt immerhin ein Drittel teilweise auf Kooperationen mit den Start-Ups. Dies sind Ergebnisse einer detaillierten Befragung von 43 deutschen Universalbanken, Sparkassen, Volksbanken und Spezialbanken durch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC.

Die Institute sehen laut Studie bisher auch wenig Veranlassung, mit FinTechs zu kooperieren. Stärkere Impulse durch eine Zusammenarbeit werden höchstens für die Vertriebskanäle erwartet: Im Bereich Konsumentenkredit sieht das ein Drittel der Befragten so, im Bereich Baufinanzierung rechnet die Hälfte damit. Insgesamt entstehen aber aus Sicht der Banken keine wesentlichen Potenziale aus der Zusammenarbeit mit FinTechs. So erwarten drei Viertel der Institute im Konsumentenkreditgeschäft explizit keine Auswirkungen auf Marketing und Image und auf Schnittstellen. Die Hälfte der Befragten verneint Konsequenzen für das Produktportfolio. 60 Prozent halten die Prozesse für unberührt von möglichen FinTech- Kooperationen.

„Die Banken gehen das Thema FinTech-Kooperationen bislang kaum strategisch an. Sie sehen offenbar keinen Mehrwert darin, von den Kernkompetenzen des Gegenübers zu lernen. Damit vergeben die Institute aber die Chance, sich noch gezielter mit innovativen Produktangeboten am Markt hervorzuheben“, sagt Tomas Rederer, Partner bei PwC im Bereich Financial Services. Dabei sehen die Kreditinstitute durchaus einen erhöhten Wettbewerbsdruck aufgrund des Markteintritts neuer Konkurrenz – vor allem spezialisierter FinTechs, die bisher nur begrenzt regulatorischen Anforderungen unterliegen. Knapp jeder zehnte Befragte geht davon aus, dass dieser Druck in den kommenden drei Jahren noch zunehmen wird. „Umso erstaunlicher, dass die Banken sich mehrheitlich gegen Kooperationen mit FinTechs zu sträuben scheinen“, so PwC-Experte Rederer. Sein Rat: „Die Banken müssen ihre Angebote weiterentwickeln und außerdem ihr digitales Profil schärfen, etwa durch den Aufbau eines digitalen Partner-Ökosystems.“ Von der Kooperation mit neuen Marktteilnehmern könnten beide Seiten sehr viel lernen und so das eigene Geschäftsmodell erheblich weiterentwickeln, so der Experte.

Von Jürgen Grosche / rps

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