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Hohe Einkommen halten die Befragten im Verhältnis für weniger ungerecht als niedrige. Foto: Stephan Jansen

Ungleichheit nimmt zu

Umfrage: Arbeitnehmer halten untere Einkommen für ungerecht

Dass mancher deutlich mehr verdient als man selbst, stört viele Arbeitnehmer Studien zufolge nicht allzu sehr. Sie meinen aber: An einem Ende der Einkommensskala geht es nicht fair zu.

Berlin (dpa) - Die meisten Arbeitnehmer empfinden niedrige Löhne in Deutschland als ungerecht. Wenn etwa Friseure oder Paketboten in Vollzeit nur 1200 Euro brutto im Monat verdienen, ist das für 96 Prozent nicht fair, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelte.

Die Forscher empfehlen, trotz Mindestlohns noch mehr gegen niedrige Einkommen zu unternehmen. Denn: "Wer sich ungerecht bezahlt fühlt, schraubt seine Leistung am Arbeitsplatz zurück", sagte Studienautorin Jule Adriaans. Auch das Interesse an der Politik sinke.

Hohe Einkommen halten die Befragten im Verhältnis demnach für weniger ungerecht als niedrige. Gehen Ingenieure oder Professoren mit 6100 Euro nach Hause, halten 38 Prozent dieses Gehalt für ungerechterweise zu hoch. Jeder zweite hält es indes für gerecht.

Das DIW in Berlin hatte Beschäftigte gefragt, wie gerecht sie bestimmte Einkommenshöhen und ihr eigenes Gehalt finden. Grundsätzlich haben die meisten Teilnehmer an deutlichen Lohnunterschieden nichts auszusetzen.

"Es wird breit akzeptiert: Wer mehr arbeitet, soll am Ende auch mehr herausbekommen", sagte Adriaans. "Wenn jeder das bekäme, was er für gerecht hält, hätten wir immer noch Einkommensungleichheit - und zwar auf ähnlichem Niveau, wie sie tatsächlich vorhanden ist."

Der Befund deckt sich mit anderen Untersuchungen. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln etwa geht davon aus, dass sich 61 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland gerecht bezahlt fühlen. Auch nach dieser Erhebung vom vergangenen Jahr fühlen sich Beschäftigte im Niedriglohnsektor ungerechter entlohnt als Menschen mit höheren Brutto-Stundenlöhnen - besonders im Osten Deutschlands.

Die Ungleichheit hat laut Daten der Dauerumfrage Sozioökonomisches Panel (SOEP) in den vergangenen Jahren zugenommen. Zwischen 1991 und 2015 stiegen die real verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im Schnitt um 15 Prozent. Davon haben gemäß der Untersuchung die meisten Einkommensgruppen profitiert - aber nicht die untersten. Der Mindestlohn sei ein erster Schritt zu mehr gefühlter Gerechtigkeit, sagte SOEP-Direktor Stefan Liebig.

Dass die Befragten vergleichsweise hohe Gehälter in Ordnung finden, dürfte auch damit zusammenhängen, dass nicht nach Extremfällen gefragt wurde - zum Beispiel Top-Verdienern wie dem früheren VW-Chef Winterkorn, der teils mehr als 17 Millionen Euro im Jahr einstrich, oder Ex-Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann, der trotz Insolvenz Millionen erhielt.

"Dort beobachten wir das Brechen des Leistungsprinzips", kritisierte Liebig. "Das ist das Gefährliche: Wenn der Zusammenhang zwischen Leistung und Entlohnung außer Kraft gesetzt wird." Als gerecht empfänden Arbeitnehmer je nach Umfrage, wenn Vorstände 10 bis 45 Mal so viel verdienten wie Arbeiter.

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