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In vielen deutschen Städten werden Schadstoff-Grenzwerte nicht eingehalten, es drohen Diesel-Fahrverbote.

Experte redet Klartext

Umweltmediziner: „Fahrverbote medizinisch nicht begründbar“

Richter und Politiker müssen demnächst über Fahrverbote für Dieselautos entscheiden. Dreckige Luft soll die Menschen nicht krank machen. Hans Drexler gehört zu denen, die Stickoxid-Grenzwerte für Arbeitsplätze in Deutschland festlegen.

Der Erlangener Professor ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin, Deutschlands oberster Umweltmediziner sozusagen. Tier- und Menschenversuche, unterschiedliche Grenzwerte und Fahrverbote – im Interview redet er Klartext.

Wie stellen Mediziner fest, wie schädlich Stickoxide (NOx) für Menschen sind?

Epidemiologen untersuchen die Auswirkungen bei Menschen, die in Beruf oder Umwelt stark exponiert sind. Und Toxikologen untersuchen die Wirkung in Versuchen mit Tieren und Menschen. Solche Versuche sind unverzichtbar, denn sonst sehen wir Effekte erst, wenn schon Schäden aufgetreten sind. Es ist unehrlich zu sagen, man will maximale Sicherheit, aber keine Versuche mit Tieren und Menschen.

Gibt es bei der Bewertung von NOx einen Konsens?

Es gibt keine große Bandbreite von Meinungen.

Warum sind dann die Grenzwerte so unterschiedlich? Für die Außenluft in der EU übers Jahr 40 Mikrogramm NO2 je Kubikmeter, in den USA 103 Mikrogramm für Arbeitsplätze in Industrie und Handwerk, in Deutschland 950, in der Schweiz 6000 Mikrogramm?

Zum einen geht es um verschiedene Zielgruppen. Kinder, Alte und Asthmakranke, die ihr ganzes Leben lang 40 Mikrogramm einatmen, sollen keinen Schaden erleiden. Die 950 Mikrogramm gelten für gesunde Erwachsene, 40 Stunden die Woche, ein Arbeitsleben lang.

Zum anderen beruhen die Grenzwerte oft auf unterschiedlichen Daten. In einer Studie wurde festgestellt, dass Kinder in Wohnungen mit Gasherd häufiger krank wurden als in Wohnungen mit Elektroherd. Die Weltgesundheitsorganisation WHO machte NO2 dafür verantwortlich. Daraus leitete sie einen Grenzwert von 40 Mikrogramm ab.

Die Senatskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat diese Studie zur Grenzwertableitung nicht herangezogen. In Tierversuchen mit rund 4000 Mikrogramm NO2 sind keine Effekte feststellbar. Auch sorgfältige Laborstudien mit Freiwilligen und Erfahrungen von Menschen, die im Steinkohlebergbau arbeiten, zeigen bis 950 Mikrogramm keine klaren Effekte. Ratten, die monatelang 9500 Mikrogramm ausgesetzt waren, zeigten erste Veränderungen an den Lungen. Nach dem Vorgehen der DFG-Kommission wurde daraus eine Arbeitsplatzgrenzwert von 950 Mikrogramm abgeleitet.

Die Deutsche Umwelthilfe sagt, in Deutschland verursache NO2 jährlich 12 860 vorzeitige Todesfälle. Die Messstation mit dem höchsten Wert ist heute in München am Mittleren Ring, mit 78 Mikrogramm. Müssen Anwohner fürchten, krank zu werden und früher zu sterben?

Tote, da entsteht Angst. Man sollte schon seriös bleiben. Zum einen, was heißt vorzeitige Todesfälle? Geht es um Jahre, Tage oder um Minuten verlorene Lebenszeit? Zum anderen halte ich diese Zahlen nicht für wissenschaftlich gut begründet. Durch Berechnungen von NOx auf Tote zu schließen, ist wissenschaftlich unseriös. Feinstaub ist ein Killer, das bleibt in den Zellen hängen, schadet der Lunge, verursacht Herzinfarkte. Aber NO2 ist kein Vorläufer von Feinstaub. Stickoxide kann man dem Diesel anlasten – Feinstaub nicht.

Muss der 40-Mikrogramm-Grenzwert strikt durchgesetzt werden?

Ein messbarer Effekt beim Treppensteigen ist ein Anstieg von Puls- und Atemfrequenz. Das macht den Menschen aber nicht krank. Ein Grenzwert soll verhindern, dass messbare Effekte Menschen krank machen. Auch bei 100 Mikrogramm NO2 sehen wir noch keinen Effekt, der krank machen kann. Wenn die Politik oder die Gesellschaft einen Grenzwert mit Sicherheitsfaktoren haben wollen, ist das eine gesellschaftliche Entscheidung. Das ist keine Sache der Wissenschaftler.

Ihre private Meinung?

Ich hielte Fahrverbote für medizinisch nicht begründbar, wenn man die Stickoxidbelastungen als Grundlage heranzieht.

Interview: Roland Losch

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